53,96 % Besuchersteigerung in einem Jahr (2004) � ein stolzer Erfolg f�r die exklusive Re-laxabteilung des Frei- und Hallenbades Acquarena in Brixen. Wer saunt dort wann und wie? Eine ironische Betrachtung der schwitzenden Nackedeis.
Noch in den sechziger Jahren herrschte in der Bischofsstadt Brixen z�chtig Sitte und Ord-nung. Lang- oder kurzbeinige Minirocktr�gerinnen liefen in Gefahr nicht nur angepfiffen son-dern auch aufgegriffen zu werden. Tschador oder Stadtverbot war hier fast die Frage. Dann wurde der Bischofssitz nach Bozen verlegt und schon machte sich eine bedenkliche Locke-rung der Sitten in der �ltesten moralisch hochstehenden Stadt S�dtirols bemerkbar. Nicht nur dass die Rocks�ume durch den Einfluss der Mode ungestraft das Knie hinauf und dann wie-der hinunter wandern konnten � nein, unter dem Deckmantel von Sport und Wellness wur-den Einrichtungen eingef�hrt, die bislang den schwerbl�tigeren und k�hleren Menschen des Nordens vorbehalten schienen. Darunter sind vor allem Sauna, Dampf- und Schwitzb�der zu nennen, die ihre wohltuende Wirkung nur dann entfalten k�nnen, wenn die Teilnehmer bereit sind die H�llen ungeniert fallen zu lassen um alle Poren freudig schwitzend zu �ffnen. Deut-sche Nordlandreisende brachten die Erfahrung mit, dass in Finnland sich Zunge und Herzen erst in der Sauna am Abend �ffnen, dass dort wichtige Gesch�ftsabschl�sse, die Beilegung von Streitigkeiten und alle bedeutenden Anbahnungen entg�ltig zustande kommen. Die Sauna hat in Finnland die gleiche soziale Funktion wie in Italien eine ausgedehnte Tafelei in einem gepflegten Restaurant an deren Ende bei Espresso und Grappa Handelseinigkeit er-zielt wird.
Nat�rlich stand bei den deutschen Nordlandexperten die Gesundheit an erster Stelle, weni-ger das gemeinsame, nur handtuchumschlungene W�rstchenbraten mit Wodka am Kamin der Saunah�tte. Das gleiche gilt f�r ihre Einstellung zum italienischen Essen � lieber Ge-sundheit als Genuss. Mit dem Gesundheitsargument als Erg�nzung ihrer weinseligen Wan-derungen in S�dtirol best�rmten die deutschen Urlauber solange ihre S�dtiroler Gastgeber, bis auch die letzte Pension dort ihre Sauna hatte. Bevor die letzte gro�e Wellness-Welle die S�dtiroler Hoteliers heimsuchte und ihnen enorme Investitions- und Unterhaltskosten abver-langte, f�hrten die meisten Saunaanlagen in d�steren Kellern der Beherbergungsanlagen ein ungem�tliches, meist braun verfliestes Schattendasein. Die vermehrt nach S�dtirol str�men-den italienischen G�ste waren jedenfalls kaum zu bewegen dieser deutschen Gesundheits-manie etwas abzugewinnen. Neue, frisch designte und attraktive Anlagen mussten her. In den neuem Hotelanlagen t�uschten sie nun meist neben der Tiefgarage im s�ulenverzierten tirolerisch-r�mischen Thermenstil mit neckischen Wand- und Deckengem�lden ein illusionis-tisches Arkadien vor.
Ganz anders jedoch die Stadt Brixen. Sie lie� durch den Architekten Ralf Dejaco ein archi-tektonisch weithin anerkanntes und preisgekr�ntes Hallenbad errichten, dessen elegant-moderne Saunalandschaft ihresgleichen sucht - nicht nur in S�dtirol sondern weit dar�ber hinaus. Viele G�ste meinen sogar, dass dies die sch�nste Saunaanlage sei, die sie jemals zum schwitzen brachte. Anfangs begann der Besucherstrom nur tr�pfelnd. Viele Brixner wa-ren offenbar noch moralisch gehemmt, ihre Lichtgestalten unbekleidet neugierigen Blicken oder gar Voyeuren darzubieten. Es wurde genau nach Anweisung gesaunt: Einseifen unter der Reinigungsdusche, Abtrocknen, Saunagang, Durchatmen und Abk�hlen auf der Terras-se, Duschen, Ruhen. Man huschte scheu von Handt�chern umh�llt von der Heusauna ins t�rkische Dampfbad, lie� sich in der dunkelsten Ecke der finnischen Sauna nieder und schl�pfte verstohlen ins Sprudelwasser des Whirlpools. Es wurde nur gefl�stert, die Stim-mung war and�chtig bis sakral, man sah geflissentlich aneinander vorbei, M�nner vermieden es Frauen anzul�cheln und umgekehrt. Wenn es irgendeinen Hauch von erotischer Span-nung gab, dann allerh�chstens bei den vollbusigen Nacktfr�schen auf den Fotos in der BILD-Zeitung, die auf dem Zeitungstisch auflag und in die sich manche Herren leicht frustriert ver-tieften.
Aber die Stimmung �nderte sich mit wachsendem Andrang. �rtliche Hoteliers versahen ihre G�ste mit Freikarten � wenn sie noch keine teure Wellnessanlage hatten, konnten sie diese damit einsparen und atmeten auf. In ganz S�dtirol, in Nordtirol, im Trentino und bis ins Vene-to sprach sich herum, welch fabelhafte Saunalandschaft in Brixen entstanden war. Neugieri-ge reisten zum Probesaunen an. Meist waren es auch Neusauner, vor allem wenn sie aus Italien kamen. Sie lasen die ausgeh�ngten Anleitungen zum richtigen Saunen nicht und ver-hielten sich entsprechend unprofessionell. Daf�r sprachen sie umso mehr und mit der Ruhe war es aus. So wie die deutschen Besucher ihre nackte Unsicherheit in Badem�nteln und Handt�chern verh�llten, so h�llten sich die zun�chst ausschlie�lich m�nnlichen Italiener in Wortschwalle, deren ununterbrochenes Gepl�tscher den ruhig vor sich hind�mmernden Deutsch-Schwitzern gewaltig auf die Nerven gingen.
Sie holten deshalb zum Gegenschlag aus und f�hrten den Aufguss ein. Nicht etwa den mil-den finnischen Aufguss am Ende eines jeden Saunaganges, der durch die wenigen Sekun-den w�rziger Dampfentwicklung die Temperatur kurz ansteigen l�sst und den Insassen den ultimativen Schwei�ausbruch vor dem Verlassen der Sauna beschert. Nein, es war die bru-tale Tiroler-Macho-Aufgu�version. Eine Art Kampfaufguss, die denjenigen moralisch vernich-tet, der die in einen Dampfdruckkessel verwandelte Sauna unter dem Geh�hne der ganz harten Kerle vorzeitig und nach Luft schnappend verl�sst. Der Kampfaufguss dauert etwa 15 Minuten und wird von einem Aufgusseinpeitscher durchgef�hrt, der nach einleitenden Wor-ten zum richtigen Saunen, Duschen und Ruhen ein absolutes Verbot zum vorzeitigen Ab-bruch des Aufgusses ausspricht und sich danach durch lebhaftes Handtuchschwenken in eine Mischung aus Torero und Hubschrauber verwandelt. Mitten in das Ge�chze der vom hei�en Dampf in Verbrennungsgraden Betroffenen wirft er abk�hlende Eisbrocken, die sich die Beteiligten auf die bereits blasenwerfenden Br�ste und Stirnen reiben. Ein Masochismus von dem man sich das Fernbleiben jener laienhaften Saunaamateure versprach, die sowieso vor dem Saunen nicht duschen und nach dem Schwitzen ungeduscht ins Abk�hlbecken tau-chen. Bisweilen erschienen italienische Erstmals-Sauner zusammen mit ihren v�llig ver-schreckten Freundinnen in Badeanz�gen und verlie�en auf Anweisung des Bademeisters fluchtartig die sie offenbar total schockierende Nacktheit der Teutonen. Die Mehrzahl aber kam mit weiteren Neugierigen immer wieder, zusammen mit einer steigenden Anzahl von weiblichen Begleiterinnen, vor denen man beim harten Kampfaufguss sogar �bella figura� machen konnte.
Der Personen- und L�rmpegel stieg unaufhaltsam. Der Whirlpool fing an das Spiel- und Planschbecken verliebter P�rchen zu werden, die bisweilen vor �berf�llung oder Zuneigung so nah zusammenr�ckten, dass wiederum der Bademeister trennend einschreiten musste. Sogar die im Obergeschoss etwas abgelegenen und zum Tiefschlaf einladenden Wasserbet-ten mussten nun h�ufiger kontrolliert werden. Die Freiz�gigkeit mittelalterlicher Badestuben schien interethnisch zur�ckzukehren. Nur die Voyeure, meist Einzelg�nger, kamen nicht auf ihre Kosten. Die Kleidermode hat n�mlich durchaus einen �sthetischen Sinn: Gn�dig ver-deckt sie k�rperliche Unvollkommenheiten vom Schmerbauch bis zu Reiterhosenschenkeln mit Orangenhaut. Auch Umfang und Schwerkraftresistenz von Busen halten im blo�en Zu-stand nicht immer das, was sie in klug ausgewogenen Ausschnitten zu versprechen schei-nen. Insgesamt bietet der splitternackte, verschwitzte, zerzauste und von Hitze ger�tete Mensch nicht den m�glicherweise erwarteten aufregend-erotischen Anblick. Ganz im Gegen-teil. �ltere Ehepaare muss man bewundern, dass sie trotz aller �u�eren Unvollkommenhei-ten zusammengeblieben sind � es mu� sie wohl noch etwas anderes, Unsichtbares, verbin-den. J�ngere Paare erscheinen in wechselnden Kombinationen. Hier wird wohl versucht, die Katze nicht im Sack zu kaufen und Entscheidungen werden erst nach akzeptierter Ganzk�r-perpr�fung getroffen.
Die Saunalandschaft des Brixner Acquarena ist nach den ersten Anlaufjahren zu einer er-folgreichen gesellschaftlichen Institution geworden. Man trifft Nachbarn und Bekannte ohne weiter mit der Wimper zu zucken, nimmt locker Kenntnis vom jeweiligen K�rperbau und plauscht launig bei einem Gl�schen Karottensaft. Brixner Gesch�ftsleute geben in gel�ster Atmosph�re bei 90 Grad Celsius laut und verst�ndlich intime Finanzpraktiken preis, ihre �b-rigen Mitteilungen k�nnten leicht die Lekt�re von Autozeitschriften ersetzen. Damengruppen unterhalten sich weithin h�rbar und kichernd �ber die Vor- und Nachteile ihrer Lebensab-schnittspartner, Friseure oder �rzte. An manchen Sonntagen sind bereits ab 10 Uhr morgens die Liegen auf der Terrasse von Sonnenhungrigen �berf�llt, die sich ebenfalls schwei�trei-bend in der Sonne braten. Gegen Melanome und Sonnenbrand �berziehen sie sich mit le-ckeren So�en teurer Kosmetikmarken, deren Geruchsmischungen schon einmal bet�ubend wirken k�nnen. Bis der Garpunkt erreicht ist, verteidigen sie hartn�ckig ihre Liegen und ris-kieren manchmal einen verstohlenen Blick auf benachbarte Haxen, Lenden- oder Rippenst�-cke. Kurzum, es ist voll geworden im Saunaland. Ein Riesenerfolg! � jubelt der Direktor der Stadtwerke. Sicher. Gl�ckwunsch. Dennoch. Dauerbesucher der ersten Stunde und andere ernsthafte Saunag�nger �berlegen bereits ernsthaft, ob sie reum�tig in irgendeine braunge-flieste Kellersauna zur�ckkehren sollen, um dort in aller Ruhe, ohne Trubel und ohne den Laufsteg neuer, tiefergelegter Haarschnitte ab und zu einfach nur gesund und friedlich vor sich hinzuschwitzen.
Andreas Gottlieb Hempel
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