Von
Andreas Gottlieb Hempel
Prof. Dipl. Ing.-Architekt
Pr�sident BDA 1995-1999
Gehalten in Italienischer Sprache in Affi /VE, Italien, bei der Firma GREIN am 16. Juni 2005
1. Titelfoto
Guten Abend, meine Damen und Herren, liebe Kollegen!
Zun�chst m�chte ich mich f�r mein fehlerhaftes Italienisch entschuldigen. Es ist ja nicht mei-ne Muttersprache. Als Deutscher lebe ich seit fast drei Jahren in Brixen, S�dtirol. Davor habe ich 36 Jahre als freier Architekt in M�nchen, gelebt und weitere zehn Jahre in Berlin, wo ich mich als Pr�sident des Bundes Deutscher Architekten BDA, als Vizepr�sident der Internatio-nalen Architekten Union UIA und als Gr�ndungsvorsitzender des Deutschen Architektur Zentrums DAZ berufspolitisch bet�tigt habe.
Aber � wir Architekten k�nnen uns sowieso besser anhand von Projekten und Pl�nen ver-st�ndigen als mit philosophischen Auseinandersetzungen. Um mich im Folgenden besser verst�ndlich zu machen, m�chte ich Sie auf eine kurze Reise durch die Architekturgeschich-te einladen. Ich werde Ihnen einige Bilder von Architektur in Naturstein und Glas zeigen. Da-bei beabsichtige ich, Ihr Interesse auf eine revolution�re Innovation beider Materialien zu lenken, welche in ihrer Kombination die Qualit�t und die Vorteile beider Materialien vereinigt.
Heute Abend stellt Ihnen die Firma GREIN Italia eine v�llige Neuentwicklung vor, n�mlich die Verbindung von Naturstein und Glas in d�nner und verleimter Schichtung. Diese High-Tech-Neuerung befindet sich in der Tradition der transluzenten Verwendung von Naturstein (Ala-baster, Marmor usw.) in den schmalen Fenstern romanischer Kirchen des Mittelalters. Trans-luzent � und nicht� transparent, denn vor dem 13. Jahrhundert gab es kein Glas, man be-nutzte d�nn geschliffenen Stein. Erlauben Sie mir nun einen kurzen historischen Abriss vom Stein zum Glas um deren innovative Kombination besser zu verstehen und ihre M�glichkei-ten f�r die Kreativit�t der Architekten besser einzusch�tzen.
Wir fangen mit dem Stein an, der � neben dem Holz � der erste Baustoff war.
2. Die Pyramide von Sakkara in �gypten
Die Stufenpyramide von Sakkara wurde als Grab des K�nigs Dioser, 2650 v.C. vom Archi-tekten Imhotep gebaut. Diese Pyramide � oder Mastaba � gilt als das �lteste Bauwerk der Welt in behauenem Stein. Ein wichtiges Beispiel der gro�en Monumente aus dem �Erdzeital-ter� der Menschheit. Der Stein als Paradigma der Ewigkeit des Erdenlebens im unverg�ngli-chen Universum. Tats�chlich ist es das absolute Gegenteil der heutigen transparenten und verg�nglichen Architektur unserer Zeit. Wer in der Geschichte zu lesen versteht, wird die geistige und wissenschaftliche Entwicklung der Menschheit erkennen k�nnen, die sich in der Leichtigkeit der Konstruktionen der Architekten und Ingenieure auszudr�cken vermag.
Ein besonders sch�nes Beispiel dieser Haltung, einer eleganten Leichtbaukonstruktion ist der Aussichtsturm auf dem Killesberg in Stuttgart von dem bekannten deutschen Ingenieur J�rg Schlaich.
3. Aussichtsturm Killesberg in Stuttgart, Deutschland
4. Die Stonehenges, Gro�britannien
Ein Bau f�r die Wissenschaft und auch ein �Ingenieurbau� sind � wenn man so will - auch die Stonehenges in England. Vor ca. 4000 Jahren errichtet, sind sie ein astronomisches Obser-vatorium ohne Glaslinsen in Objektiven aber imstande die Sonnenstrahlen und den Stand der Planeten durch ein System aufgestellter Steinstelen zu markieren. Auf diese Weise wur-de der Naturstein f�r unsere Vorfahren zum Material f�r wissenschaftliche Pr�zisionsinstru-mente.
5. Das Theater von Epidaurus in Griechenland
Nicht weniger ingeni�s auf der Grundlage wissenschaftlicher Berechnungen stellt sich das hellenistische Theater in Epidaurus dar. Der Architekt, Polyklet der J�ngere, hat es dreihun-dert Jahre vor Christus f�r 14 000 Zuschauer entworfen. Der griechische Schriftsteller Pau-sanias beschreibt es als perfekte Konstruktion wegen seiner Sch�nheit und Harmonie. Aber einen unsichtbaren Teil der ausgekl�gelten Konstruktion stellt die hervorragende Akustik dar. In normaler Lautst�rke vermag sich ein Sprecher vom markierten Mittelpunkt der B�hne aus auch in den hintersten Reihen des Auditoriums verst�ndlich machen. Ich selbst habe diese Erfahrung gemacht, als ich anl�sslich einer Ratssitzung der UIA von dort aus meinen Vortrag hielt. Ein unglaublicher Effekt in einem vom Stein gepr�gten Raum unter freiem Himmel!
6. Der Tempel von Paestum in Italien
Johann Wolfgang von Goethe beschrieb nach seiner zweiten Italienreise den Tempel von Paestum als den gro�artigsten Eindruck, den er mit nach Norden genommen habe. Die drei erhaltenen Tempel im dorischen Stil wurden im 5. und 4. Jht. Vor Christus in Gro�griechen-land � Magna Graecia � im Golf von Salerno erbaut. Ich zeige Ihnen den Tempel der Hera, ca. 450 v. C. errichtet, mit dem klassischen Peripteros und einer Ordnung von 6 zu 13 S�u-len. Man kann die Kraft und Klarheit nur bewundern, mit denen die unsterbliche klassische Spiritualit�t in Naturstein ausgedr�ckt wurde.
7. Pont du Gard, N�mes, Frankreich
Ein weiteres Beispiel der klassischen Ingenieurbaukunst� ist der r�mische Aqu�dukt Pont du Gard, der mit einer H�he von 50 Metern �ber 64 B�gen in einer L�nge von 275 m gef�hrt wird. In Kalkstein ausgef�hrt ist er ein Bestandteil einer im ersten Jahrhundert vor Christus erbauten Wasserleitung �ber eine L�nge von 50 km bei einer H�hendifferenz von nur 17 m. d.h. einer Neigung von nur 34 cm auf einen Kilometer. Ein Meisterwerk der Vermessungs-kunst der R�mer! Er erm�glichte die Wasserversorgung der 40 000 Einwohner von N�mes mit je t�glich 40 l Wasser. Die Macht und die Ausdehnung des R�mischen Reiches basierte im Wesentlichen auf den technischen Leistungen f�r die Infrastruktur. Der Ingenieur Frontin, verantwortlich f�r die Wasserversorgung Roms im zweiten Jahrhundert n.C. bezeichnete die Aqu�dukte als die Hauptzeugnisse der Gr��e des R�mischen Reiches.
8. Castel del Monte. Andria, Italien
Das Castel del Monte ist sicherlich das eindrucksvollste Monument der friderizianischen Zeit in Apulien. Erbaut wurde es zwischen 1240 und 1250 nach Pl�nen des Kaiser Friedrich II. als Jagdschloss, weithin sichtbar auf einem H�gel. Unter bestimmten Lichtbedingungen wirkt es bisweilen aus der Ferne wie ein Glaskristall.
9. Castel del Monte, Andria, Italien
�Im Sonnenuntergang fasziniert das Castel del Monte durch seine �therische Magie � trotz der Schwere des Kalksteins aus dem es errichtet wurde. Ein Symbol einer anderen geistigen Welt, des Jenseits.
10. N�tre Dame de Chartres, Frankreich
Eine andere Welt des Jenseitigen, der Religiosit�t, die aus Stein realisiert wurde, betritt man in der Kathedrale von Chartres. Von 1194 bis 1220 wurde sie von unbekannten Baumeistern errichtet. In diesem Bauwerk verm�hlen sich Naturstein und Glas in mystischem Licht. Die Steinmassen ordnen sich dem von farbigem Glas erleuchteten Raum unter. Ein entmateriali-sierter Eindruck entsteht, Materie scheint sich in Geist zu verwandeln. Das Glas l�sst den Stein zugunsten eines geheimnisvollen Raumeindrucks schmelzen. Ein perfekte Beziehung der beiden Materialien ist so bereits im Mittelalter gelungen.
11. Berlin � zwischen Stein und Glas
Mit diesem Bild verlassen wir die Geschichte und treten ein in die Zeit der Modernen Archi-tektu. Das Thema �Glas gegen Stein� wurde lang und breit in Berlin nach der Wiedervereini-gung diskutiert. Es ging um eine architektonische Perspektive zum Wiederaufbau der deut-schen Hauptstadt, die im Zweiten Weltkrieg so schwer getroffen wurde und dann noch 40 Jahre geteilt war, Jahre, in denen der verbliebene urbanistische Charakter der Stadt noch weiter besch�digt wurde. Wie k�nnte man den architektonischen Geist der europ�ischen Stadt des 19. Jahrhunderts bewahren? Mit dem Gewicht des Steins oder der Transparenz des Glases? Ein polemisch gef�hrte Diskussion schuf einen Gegensatz zwischen Stein und Glas, die eine als konservativ verschrieen, die andere als modern bezeichnet. Auf meinem Bild sind alle diese Materialien und Architekturen versammelt..
12. Berlin - Pariser Platz
Durch das Brandenburger Tor betritt man die �gute Stube� der Berliner, den Pariser Platz am Beginn der gro�en Allee �unter den Linden�. Keines der Geb�ude um das Brandenburger Tor hat den Krieg �berdauert. Alle Bauten, die jetzt dort entstanden sind, folgen dem Prinzip der �kritischen Rekonstruktion�, der Vision des Wiedererstehens der steinernen Stadt. Nur der k�rzlich verstorbene Architekt Kleihues hat die Pavillons neben dem Brandenburger Tor tats�chlich in massivem Naturstein wiedererrichtet. Alle �brigen verkleideten ihre Bauten mit den �blichen Natursteinplatten in der St�rke von 3 bis 4 cm. G�nther Behnisch dagegen bau-te die Akademie der K�nste hinter einer gl�sernen Fassade auf.
13. Berlin � Quartier 206 Hofgarten 1
Am Eck von Franz�sischer Stra�e und Friedrichstra�e hat der Berliner Architekt Kollhoff eine innovative Natursteinverkleidung seines Geb�udes gefunden. Keine offenen Fugen sondern �berschneidungen der Steinplatten vermitteln einen geschlossenen, fast massiven Eindruck der Konstruktion. So wurde der Eindruck der �falschen� � n�mlich der nur ummantelnden Konstruktion mit Naturstein � vermieden, einer Konstruktion mit offenen Fugen, hinter denen bisweilen die Isoliermatten auf der Tragkonstruktion aus Beton zu erkennen sind. Am Nach-barhaus wollen wir ebenfalls die Verwendung von Naturstein betrachten.
14. Berlin � Quartier 206 Hofgarten 2
In diesem Block der Luisenvorstadt, der barocken Stadterweiterung, hat der Berliner Archi-tekt J�rgen Sawade sein Projekt zwar nach den Prinzipien der �kritischen Rekonstruktion� eingef�gt � Blockrandbebauung mit zur�ckgesetztem Dachgeschoss, Traufh�he max. 21 m � aber doch nach einer eigenst�ndigen L�sung f�r die Verwendung von Naturstein gesucht: Schwarzer norwegischer Granit wurde so hochgl�nzend poliert, die Fugen minimalisiert und mit Kitt geschlossen, so dass der Eindruck einer Glasfassade entstanden ist.
15. Berlin � Quartier 206 Friedrichstrasse
Einige Schritte weiter trifft man an der Friedrichstrasse auf ein Geb�ude, das I.M. Pei entwor-fen hat. Auch hier wurde versucht, teils den Stein wie Glas wirken zu lassen, teils ihn durch Glas zu ersetzen, das nachts von hinten illuminiert wird um einen transparenten Eindruck zu erzeugen. Tags�ber wirken beide Materialien allerdings gleicherma�en geschlossen.
16. Berlin � Quartier 206 Friedrichstrasse
Vielleicht war der franz�sische Architekt Jean Nouvel � ein Liebhaber des Glases! � dann doch noch konsequenter in der Umsetzung der �kritischen Rekonstruktion� mit modernen Mitteln. Er errichtete eine totale Glasfassade f�r das Kaufhaus Lafayette an der Fried-richstrasse. Aber � welche Entt�uschung! � das Geb�ude wirkt keineswegs transparent, sondern tags�ber finster und abweisend. Nur wenn es nachts von innen erleuchtet ist wirkt es durchsichtig und filigran.
17. Berlin � Zentrum f�r Photonik, Adlershof
Besser ist hier im Zentrum f�r Photonik der Architekten Hutton und Sauerbruch der Versuch gegl�ckt, das Glas transparent erscheinen zu lassen. Ganz aus Glas hat die Fassade vor allem mit Sonnenschutzproblem zu tun, was die Architekten mit innenliegenden farbigen Sonnenschutzelementen zu l�sen versuchten ohne die Leichtigkeit und Transparenz der Fassade zu st�ren.
18. Berlin � die Reichstagkuppel 1
Nachdem er sich in einem gro�en internationalen Wettbewerb zum Umbau des Reichstages gegen ca. 800 Konkurrenten durchgesetzt hatte, �nderte der Architekt Sir Norman Foster sein Projekt nochmals grundlegend. Statt eines alles �berdeckenden Daches in leichter Stahl/Glas-Konstruktion entschied er sich f�r die Wiederherstellung einer Kuppel auf dem Geb�ude. Auch sie ist eine Konstruktion aus Stahl und Glas und setzt sich damit in gekonn-ten Kontrast zum steinernen Reichstagsgeb�ude. Die Kuppel hat zweierlei Funktion. Sie nimmt die Rampen f�r die Besucherstr�me in die Kuppelspitze auf und gibt den Blick in den Parlamentssaal frei, der durch Reflektoren durch die Kuppel erleuchtet wird. Ein hervorra-gend gestaltetes Ingenieurbauwerk bereichert den alten Reichstag und verwandelt es in ein bedeutendes Bauwerk unserer Zeit aus Stein und Glas.
19. Berlin � die Reichstagskuppel 2
Mit einem letzten Bild des Reichstages m�chte ich die Bilderserie zum Thema �Naturstein gegen Glas� beenden. Wie Architekten wissen nur allzu gut, dass es sich dabei um eine hypothetische Frage handelt. Architektur ohne Stein und ohne Glas ist heute undenkbar. Wir leben in einer Zeit der Innovationen auch im Bausektor. Eine neue Technologie macht die direkte Verbindung und den speziellen Gebrauch beider Materialien m�glich. Verleimt resul-tiert ein neues Material aus Stein und Glas, das den Architekten ungew�hnliche und kreative L�sungen erm�glichen wird.
20. Schlusstitel
Der Schlusstitel soll Ihnen zeigen, dass der wahre Titel des Vortrages lautet:
�Naturstein und Glas�.
Vielen Dank f�r Ihre Aufmerksamkeit.
Aus dem Italienischen vom Autor.
Brixen, 10. September 2005