F�r das Ruhrgebiet hatte der deutsche Kanzler Willy Brandt vor Jahrzehnten �blauen Himmel� und mehr Lebensqualit�t versprochen. In Brixen k�nnte man mit diesem Programm f�r vorhandene Selbstverst�ndlichkeiten keine Wahl gewinnen. Hier muss man vielmehr darauf achten, da� nichts davon verloren geht.
�Ubi bene, ibi patria� lautete ein Spruch, der uns Lateinsch�lern besonders gut in der Gymnasialzeit gefiel. Es war Anfang der F�nfziger Jahre in Deutschland. Sowohl die Bombenn�chte mit st�ndigem Fliegeralarm der letzten Kriegsmonate als auch die Hungerjahre danach blieben in deutlicher Erinnerung und die Umst�nde des t�glichen Lebens waren immer noch k�rglich. Es wurde auf Tr�mmergrundst�cken und in Baustellen f�r die bescheidenen Sozialwohnungen der vielen Fl�chtlinge gespielt. Der Lateinlehrer machte aus seiner ehemaligen Parteizugeh�rigkeit kein Hehl, pries den deutschen Landser als den besten Soldaten der Welt, �dete die Sch�ler mit nationalen Spr�chen �ber Heimatliebe an und fabulierte vom deutschen Volk, dass nun auch in schlechten Zeiten zusammenstehen m�sse. F�r ihn war die lateinische Sentenz, dass das Vaterland dort sei, wo es einem gut ergeht, so etwas wie ein hochverr�terisches Sakrileg. Man habe mit seiner Heimat durch dick und d�nn zu gehen, vor allem durch d�nn. Soweit die Gymnasialklasse aus Spr�sslingen alteingesessener Familien bestand war ihm eine kaum verhohlene Zustimmung sicher. Der �berwiegende Teil jedoch bestand aus Kindern von weither zusammengew�rfelten Fl�chtlingsfamilien, denen das Gef�hl f�r ihre Heimat durch Vertreibung, Verlust und das Herumgeschubse in Auffanglagern und Zwangseinweisung bei feindselig reagierenden Ans�ssigen verloren gegangen war. Sie alle tr�umten von einer imagin�ren Heimat, in der es ihnen einmal gut gehen w�rde. Kaum einer von ihnen blieb nach der Matura in der etwas spie�igen und beh�bigen Stadt des deutsch-national eingef�rbten Lateinunterrichtes sondern sie studierten bevorzugt in M�nchen, die Kriegsdienstverweigerer gingen nach Berlin. Ein halbes Dutzend von ihnen � immer noch dem Motto �ubi bene, ibi patria� nachh�ngend � machte internationale Karrieren dort, wo sie Erfolg hatten und es ihnen gut ging. Manchmal trafen sie sich und erz�hlten von ihrer neuen, freiwillig gew�hlten Heimat, in der sie doch immer Fremde bleiben w�rden. Sie tr�steten sich jedoch damit, dass sie diese Heimat mit einem anderen Blick als die Einheimischen s�hen, denen ihr Zuhause so ganz selbstverst�ndlich sei, dass sie oft weder deren Wert richtig einzusch�tzen vermochten noch deren Fehlentwicklungen zu kritisieren imstande seien.
K�rzlich trafen sie sich wieder, reisten aus Tokio, Paris, London, Washington, Berlin und Brixen an. Der Wahlbrixner musste sich der Frage unterziehen, warum er denn die deutsche Hauptstadt verlassen hatte um seine alten Tage in einer Kleinstadt zu verbringen. Dazu musste er weit ausholen:
Im Oktober 1961 habe er einmal genug bekommen vom grauen Hochnebel �ber M�nchen und den muffigen Gesichtern um ihn herum. Irgendwer hatte ihm gesagt, man brauche nur mit dem Zug �ber den Brenner zu fahren um bei tiefblauem Himmel unter dem sich golden verf�rbendem Weinlaub einer Pergola vor der wei�en, warmen Wand eines Weinbauernhofes an Holztischen neuen Wein zu probieren, Sch�ttelbrot zu brechen und w�rzigen Speck in d�nnen Scheiben dazu zu genie�en. Er kam an einem sp�ten Nachmittag in Brixen an. Das Weinlaub war tats�chlich golden. Die Bl�tter der wilden Kirschen hatten sich tiefrot verf�rbt, die Wiesen waren noch feuchtgr�n w�hrend auf den Bergen der erste frischgefallene Schnee sich strahlend wei� gegen ein unendliches Blau des Himmels abgrenzte. Er ging durch die gro�en Lauben. Die Fassaden mit den romantischen Erkern grenzten den Blick ein und steigerten dadurch die ausschnitthafte Wirkung des Ploseberges, dessen beschneite H�he sich im Sonnenuntergang allm�hlich rosa verf�rbte. Gleichzeitig verwandelte sich der Himmel dar�ber ins T�rkisfarbene. Der k�hle Abendwind trieb von Norden fischf�rmige F�hnwolken rasch dar�ber hinweg. Auch sie wechselten opalisierend vom zun�chst zarten Gelb in ein unwirkliches Ros�. Der Fremde wunderte sich, dass von den gesch�ftigen Menschen in den Gassen kaum einer den Kopf hob. Er a� an einem blankgescheuerten Tisch des K�nstlerst�beles Spaghetti Bolognese und ein Wienerschnitzel mit gr�nem Salat. Er trank dazu einen Eisacktaler Sylvaner und geriet in Entz�cken �ber den Wohlgeschmack einfacher Dinge. Vom Nachbartisch beobachtete ihn eine Brixner Familie und er wurde in ein langes Gespr�ch einbezogen � freundliche Menschen. Danach schlief er gut im Gasthaus Senoner, das beruhigende Ger�usch des Flusses im Ohr und im Unterbewusstsein ein Gef�hl von verloren geglaubter aber wiedergefundener Heimat. Brixen war jedenfalls eine Liebe auf den ersten Blick.
Die Freunde grinsten. Das sei ja gerademal gut f�r einen Urlaub aber doch nichts f�r eine dauerhafte Zukunft. Der Brixen-Liebhaber fragte dagegen, was denn nun so falsch an einem Leben in Urlaubsatmosph�re mit mehr sonniger Leichtigkeit sei? Immerhin sei diese eine unverhoffte Zugabe zu den �blichen Schwierigkeiten im Alltag und vielleicht die Ursache f�r die gr��ere Gelassenheit und Heiterkeit der Menschen in seiner Stadt. Die Hast und Hektik, die er in den Metropolen der Welt erlebt habe, sei jedenfalls dauerhaft nicht auszuhalten. Immer wenn ihm dieser Stress zuviel wurde, so fuhr er fort, sei er nach S�dtirol gefahren. Und das immer h�ufiger - gerade weil die �berm��ige Unruhe, die Aufregungen, die Events, die Angebote und Anforderungen in der Gro�stadt immer mehr wurden. Auf langen Wanderungen habe er nicht nur vielf�ltige Natursch�nheiten kennengelernt, die er in keiner anderen Region in so abwechslungsreicher Dichte entdeckt habe sondern auch oft seine verlorengegangene Seelenruhe wiedergefunden. �berhaupt m�sse man sich S�dtirol erwandern, um das Land und auch sich selbst besser zu verstehen. Wohlbefinden habe etwas mit der Zeit zu tun, die man sich nimmt um �u�ere und innere Eindr�cke zu verarbeiten, schloss er und f�gte noch hinzu, dass man in Brixen mit dem Wandern hinter dem Haus beginnen k�nne, w�hrend die hektischen Bewohner der Metropolen in ihrer Verzweiflung �ber die zugebaute Natur das einem Veitstanz �hnliche Joggen in den Parks erfunden h�tten. Dabei k�nne man vor lauter Schnaufen wohl nicht mehr nachdenken.
Na, meinte der Freund aus Paris sp�ttisch, wor�ber willst Du denn so in der Provinz nachdenken? Da gibt es doch keine kulturellen Angebote!
Darauf entgegnete der andere spitz, dass er bei seinen zahlreichen Kongressen in Paris vermutlich mehr ins Theater, in den Louvre oder in Ausstellungen gegangen sei als so manche Bewohner der Stadt, die, wie man von den Gro�st�dtern im allgemeinen ja wisse, von dem �berw�ltigenden Angebot direkt vor der Haust�re im Alltag gar keinen Gebrauch machten. Er selbst habe in seiner M�nchner und Berliner Zeit sich auch nur von der Arbeit frei gemacht um auszugehen, wenn Besuch angereist kam. Im �brigen zeige ein Blick auf die Europakarte, dass S�dtirol eine Region im Herzen Europas sei, Mailand sich genauso weit oder nah entfernt wie M�nchen bef�nde und Fahrten nach Venedig, Florenz oder Rom f�r die Entfernung nach Kaiserslautern, Frankfurt, oder Hannover durchaus entsch�dige. Und �berhaupt, f�gte er hinzu, durch die ewigen T�rggele-Klischees, Trachtenumz�ge und Blaskapellenfeste w�rde ein v�llig falsches Bild der S�dtiroler Kultur vermittelt. Abado dirigiere inzwischen ja wohl �fter in Bozen als in Berlin, die Literaturszene sei �u�erst differenziert und beim Publikum k�me es ja nicht auf dessen Quantit�t sondern die Qualit�t an. Im �brigen lache er �ber manchen bisher unbekannten Kabarettisten lieber im kleinen Kreise des Anreiterkellers in Brixen als �ber die schwachen Scherze einer ausgelutschten Ber�hmtheit im ZDF. Und gutgemachte Ausstellungen g�be es so viele, dass man gar nicht alles wahrnehmen k�nne. Ganz abgesehen von der gro�en Zahl besuchenswerter Schl�sser, Kirchen und Museen.
Was sei �berhaupt Kultur? � so philosophierte er weiter. Die Esskultur in S�dtirol l�ge, an der relativen Anzahl der Kochk�nstler gemessen, jedenfalls gleichauf mit der italienischen und franz�sischen Kochkunst. Kein Vergleich mit Deutschland oder gar Ostdeutschland und England, wo man sich in der Regel unter dem gastronomischen Gefrierpunkt bef�nde. Dort und in den �brigen Teilen der Welt k�nne man ja ohne aktuelle Nachschlagewerke kein ordentliches Restaurant finden w�hrend man sich in S�dtirol beinahe �berall an den gut gedeckten Tisch setzen k�nne um hervorragend zu essen. Nicht nur Schlutzkrapfen und Geselchtes sondern auch �berraschend fantasievolle Kreationen junger S�dtiroler Spitzenk�che. Auch die fr�her vielverspotteten gr��eren Gebinde von �Kalterersee-Auslese� seien dank gro�er Anstrengungen einer neuen Winzergeneration durch edle Flaschenweine abgel�st worden. Viermal hintereinander seien S�dtiroler Winzer zu �Kellermeistern des Jahres in Italien� gek�rt worden und von den �Drei-Gl�ser-Auszeichnungen� gingen allein sieben Prozent nach S�dtirol obwohl hier nicht einmal ein Prozent des italienischen Weines gekeltert w�rde � vor allem der Wei�wein aus dem Eisacktal habe dabei Anerkennung gefunden. Er, meinte der Wahlbrixner, f�nde die kulinarische Kombination aus alt�sterreichischer Tradition und mediterranem Einfluss schlichtweg un�bertrefflich und er brauche hier weder Sushi-shops, Hamburger- und Currywurstbuden oder schlaffe Weissw�rscht mit Bier vor dem Zw�lferl�uten.
W�hrend er sich von seinem Pl�doyer f�rs gute Essen in S�dtirol ersch�pft zur�cklehnte, wies der Berliner Freund darauf hin, da� gerne �bersehen werde, dass die Baukultur einen weiten aber meist untersch�tzten Sektor der Kultur ausmache. Architektur sei aber nicht nur Teil des Wirtschaftsgeschehens sondern umgebe uns allerorten. Ganz besonders sei dies sp�rbar bei mangelnder Qualit�t und von der habe er auch in S�dtirol geh�rt. Wie denn der Wahlbrixner als Architekt und Kritiker in Sachen Baukultur diese Szenerie ertr�ge. Berlin b�te da doch ganz andere Anregungen.
Schon falsch! rief der Angesprochene aus, zun�chst sei Brixen schon einmal 336 Jahre �lter als die deutsche Hauptstadt und Baukultur habe auch etwas mit Baugeschichte und Bautradition zu tun. Davon seien in Berlin nur noch Restbest�nde vorhanden w�hrend im vollst�ndig erhaltenen Dombezirk Brixens nicht nur der bedeutendste Freskenzyklus des Alpenraumes zu besichtigen sei sondern dass auch die hervorragend erhaltene und gepflegte b�rgerliche Altstadt eine ganz besondere Stimmung aufwiese. Diese sei �brigens abends besonders sch�n beleuchtet durch eine raffinierte Lichtinszenierung, welche die historischen Fassaden ganz gleichm��ig ausleuchte. Wenn auch die st�dtebaulich sorgf�ltig geplante Stadterweiterung Brixens im Rosslauf architektonisch nicht gerade das gelbe vom Ei sei, so l�ge sie doch von der Lebensqualit�t her gesehen weit vor den Plattenbauten im Ostteil von Berlin. Zugegeben, da� Berlin wohl der architektonisch bedeutendste workshop der Welt sei aber schlie�lich k�nne man eine Millionenmetropole im brettlflachen Brandenburg nicht mit einer Kleinstadt im Gebirge vergleichen. Dort, in einer gesegnet sch�nen Landschaft, fielen allerdings die Baus�nden, vor allem an den R�ndern der Stadt, ungleich unangenehmer auf, weil man sie vom Berg auch noch von oben s�he. Gemeinsam h�tten Berlin und Brixen wohl den Druck von rendites�chtigen Investoren auf die Entscheidungen von Politikern, die vor Spezln, Freinderln und Parteigenossen eher in die Knie gingen als die Raumordnung der Stadt konsequent im Sinne einer ganzheitlichen nachhaltigen Entwicklung zu steuern. Nat�rlich g�be es auch in Brixen nachdenkliche und gute Architekten, die sich sensibel um eine angemessene Ma�st�blichkeit im bebauten Ensemble oder drau�en in der Kulturlandschaft bem�hten. H�ufig seien allerdings diese guten L�sungen in der Masse des gestalterisch anspruchslos Gebauten nicht gen�gend wahrzunehmen.
Ganz allgemein, meinte der Neubrixner, sei S�dtirol - nach den sehr schwierigen Jahrzehnten der Annexion durch Italien � mit der Autonomie vielleicht zu rasch wohlhabend geworden um den Trend zur �Vermarktung� auch des letzten sch�nen Fleckerls behutsam steuern zu k�nnen, zu gro� sei doch die Versuchung einfach abzusahnen. Aber nat�rlich sei gegen den hart erarbeiteten Wohlstand ganz und gar nichts einzuwenden. Allein die Arbeitslosenzahlen spr�chen B�nde: 2% nicht Besch�ftigte in S�dtirol gegen 18% Arbeitslose in Berlin � sei das etwa nichts? Die ungebremste Bauerei der letzten Jahre in Brixen habe schlie�lich auch ihr Gutes. Leerstand von B�rofl�chen und ein ausreichendes Wohnungsangebot hielten die Mietpreise einigerma�en in Grenzen. Halt! rief der Freund aus Tokio, der wegen der astronomischen Immobilienpreise dort sich gerade eine Wohnung in M�nchen gekauft hatte. Er habe von seinem Makler erfahren, dass die Spitzenpreise pro Quadratmeter Wohnfl�che in Brixen denen von M�nchen in nichts nachst�nden. Gut, r�umte der Andere ein, Brixen hat aber auch die zweith�chste Bev�lkerungszuwachsrate in S�dtirol. Dennoch k�nne man mit weiterem Bauen k�nftig zur�ckhaltender sein, denn im Wohnbereich l�ge das Brixener Raumangebot zweieinhalb Mal so hoch wie Bozen und damit an der Spitze der S�dtiroler St�dte. Das gleiche gelte auch f�r den B�ro- und Gewerbebereich. Es best�nde also eine zukunftsf�hige urbane Grundausstattung Brixens gleichzeitig mit den wenigsten Arbeitslosen und der h�chsten Erwerbsquote in der Region. Dies resultiere nicht zuletzt aus dem hochmodernen, innovativen und nahezu emissionsfreien High-Tech-Gewerbe, das sich in Brixen angesiedelt habe. Neben dem Tourismus und der Landwirtschaft seien diese zukunftsf�higen Betriebe zum dritten Standbein der Stadt geworden.
Aber was ist denn mit der Ausbildung? warf der Schulfreund ein, der in Washington lebt und dessen Kinder eine internationale Schule besuchen. Durch die Unterrichtssprache Franz�sisch, dem Amerikanischen im Alltag und dem Deutsch zuhause seien sie damit kurz vor der Matura perfekt dreisprachig, f�gte er stolz hinzu.
Dreisprachig werden wir hier auch, gab der Brixner Freund witzelnd zur�ck, n�mlich S�dtirolerisch, Deutsch und Italienisch. Aber nach der Pisa-Studie l�ge S�dtirol im Lesen und Rechnen nach Finnland in Europa ganz vorn, auch vor den Franzosen und erst recht vor den Amis. �berhaupt ginge es mit den Kinderg�rten- und Schulanmeldungen ganz ohne Stress. Seine Kleine sei in Berlin �ber zwei Jahre auf der Warteliste f�r einen Kindergartenplatz gewesen, in Brixen dagegen h�tte die Aufnahme in den Kindergarten ganze 15 Minuten gedauert. Dabei sei die Geburtenrate in S�dtirol um einiges h�her als im vergreisenden Deutschland. Er g�be allerdings zu, dass er f�r die getrennte Erziehung der Sprachgruppen wenig Verst�ndnis habe. Die Kleinen w�rden sonst sicher perfekt zweisprachig aufwachsen k�nnen. Aber man m�sse eben auch den historischen Hintergrund mit der Unterdr�ckung der deutschen Sprache unter dem italienischen Faschismus ber�cksichtigen und jeder k�nne ja bei gutem Willen die andere Sprache problemlos perfektionieren. F�r ihn sei es jedenfalls eine ganz gro�e Bereicherung in einer Region zu leben, in der sich zwei Kulturkreise mit ihren Sprachen und ihrer kulturellen Verschiedenheit �berschneiden und damit ein einzigartiges Beispiel f�r das europ�ische Zusammenwachsen bieten. Toleranz und Verst�ndnis im Alltag zu �ben habe er in solcher Selbstverst�ndlichkeit sonst noch nirgends erlebt. Die gelegentlichen Reibungen dabei w�ren f�r ihn eher marginal als dramatisch und seien im Zuge der Autonomie zu einem eher etwas angestrengt wirkendem Ritual der ewig Gestrigen geworden. Die Zukunft l�ge aber in einer hochqualifizierten Ausbildung. Daf�r werde hier sehr viel getan und Brixen n�hme mit seinen Schulen und der neuen Universit�t mit immer mehr jungen Menschen eine Spitzenposition ein.
Er lehnte sich gem�tlich zur�ck und gab zu, dass die Freunde in ihren Metropolen z.B. funktionierende �ffentliche Verkehrsmittel h�tten. W�hrend er in Berlin auch kein Auto gebraucht h�tte, k�me er leider in S�dtirol nicht ohne Fahrzeug aus. Aber in Brixen sei alles zu Fu� oder mit dem Fahrrad erreichbar � ein angenehmer Teil der k�rperlichen Bewegung, die der Mensch nun mal so brauche. Und er fuhr fort, die Vorteile einer Kleinstadt anzupreisen:
Jeder kenne Jeden � was sicher auch ein Nachteil sein k�nne, was das unvermeidliche Gerede �bereinander betr�fe! � aber man f�hle sich nie allein gelassen oder verloren. Man tr�fe sich immer wieder, was zu einem freundlicheren und sorgsameren Umgang miteinander f�hre als in der anonymen Gro�stadt. �berhaupt sei die heitere und gelassene Freundlichkeit m�glicherweise eine besonders gute Eigenschaft der S�dtiroler aber doch auch ein Kennzeichen der Menschlichkeit in �berschaubaren kleineren St�dten. Brixen sei noch dazu am Wege der wichtigsten Touristenstr�me in Europa gelegen und deshalb auch durch die vielen Besucher immer lebendig. Entsprechend vielf�ltig sei das Angebot f�r die Freizeit und der L�den, Restaurants, Bars und Caf�s. Tage, an dem die B�rgersteige hochgeklappt bleiben, g�be es fast nicht, denn zu allen Jahreszeiten kommen die G�ste. Im Sommer und Winter mehr aus dem S�den, im Fr�hjahr und Herbst �berwiegend aus dem Norden. Eine gute Mischung von G�sten, die durch die einmalige Verbindung von Urbanit�t und besonderer Natursch�nheit immer wieder angezogen w�rden. Und wem in Brixen nach dem Besuch einer gr��eren Stadt zumute sei, der k�nne ja Bozen oder Innsbruck aufsuchen, was auch nicht weiter sei als in einer Gro�stadt von einem Ende zum anderen zu fahren. Abends k�men dann alle gerne wieder zur�ck in die kleinere Stadt mit der h�heren Lebensqualit�t.
�berhaupt die Lebensqualit�t. Das Gesicht des Wahlbrixners verkl�rte sich. Noch nie habe er in seinem Leben eine solche Lebensqualit�t genossen. Er m�sse sich das immer wieder bewusst machen um sich nicht einfach daran zu gew�hnen und diese Lebensqualit�t f�r selbstverst�ndlich zu halten. Und genau hier, f�gte er hinzu, beginne der Stress:
Als B�rger dieser Stadt m�sse man sich einfach daf�r einsetzen, das dies so bliebe, mit der Lebensqualit�t. Schneller als man denke, sagte er, sind solche Qualit�ten verspielt, vermarktet, zugebaut, dem Renditedenken geopfert oder einfach Nachl�ssigkeiten anheim gefallen. Die Stadtr�nder zerfransten schon, die freie Landschaft w�rde bereits zersiedelt, der Verkehr sei schon unertr�glich � auch wenn die Altstadt verkehrsberuhigt wurde. Es sei ein Kampf um den Erhalt der Urbanit�t mit guter Gestaltung, f�r die Bewahrung der Natur, gegen L�rm und Abgase, gegen den Abriss sch�ner alter Geb�ude zugunsten spekulativer Neubauten, f�r den Vorrang der Kinder und Fu�g�nger im �ffentlichen Raum und f�r die Erhaltung der Charakteristik der Stadt als Identifikation f�r ihre Bewohner. Aber es lohne sich, meinte er, weil auch das Engagement der Brixner f�r ihre Stadt und f�r die Lebensqualit�t ihres kleinen Paradieses herausragend ist. �Ubi bene ibi patria� so schloss er, diese lateinische Sentenz sei hier durch drei Worte zu erg�nzen � Est! Est !Est!. Also: Heimat Brixen. Nur logisch, dass sich ein Kreis engagierter B�rger f�r Brixen unter diesem Namen zusammengefunden habe.
Die Freunde nickten und wirkten nachdenklich. Sie beschlossen, sich das n�chste Mal in Brixen zu treffen um die Behauptungen �ber das kleine Paradies Brixen selber an Ort und Stelle zu �berpr�fen denn bislang war noch keiner von Ihnen in der jung gebliebenen alten Bischofsstadt gewesen. Ein gro�er Fehler von Euch Bedauernswerten, meint der Brixner und hob sein Glas.
Andreas Gottlieb Hempel
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