Bisher war es nur eine halbe Sache mit Brixens �Guter Stube�. Der Umzug der Guardia di Finanza er�ffnet neue Chancen: Kann der Domplatz jetzt ein wirklich festlicher Platzraum werden?
Keine andere unter den S�dtiroler St�dten weist einen so bedeutenden Platzraum aus wie die Domstadt Brixen. Selbst der Bozener Waltherplatz wird nicht vom etwas abseitigen Dom bestimmt, der dem Platz auch noch den R�cken zuwendet. Die teilweise zu niedrigen Fas-saden haben dort nicht die Kraft, der zu weiten Fl�che des Platzes die umschlie�ende Quali-t�t eines dreidimensionalen Raumes zu geben. Ganz anders in Brixen: gleich zwei Kirchen bestimmen den Platz, die Pfarrkirche St.Michael und der Dom, der dem Platz majest�tische Symmetrie verleiht. Die Fassaden haben die richtige H�he und die entsprechende gestalteri-sche Bedeutung um dem Brixner Domplatz eine starke, geschlossene Raumwirkung zu ge-ben und die Kraft zum r�umlichen Zusammenhalt zu bieten. Er f�llt architektonisch und r�umlich nicht auseinander, ganz im Gegenteil, er zeigt das gro�artig differenzierte Gef�ge eines gewaltigen Innenraumes, der vom Himmel strahlend �berdeckt wird.
Dennoch: schon immer hat sich auch in diesem eigentlich so einheitlichen und abgeschlos-senen Stadtraum die historische Zweiteilung Brixens in eine B�rgerstadt und einen kirchli-chen Bereich abgezeichnet. Im S�dosten der ruhige Dombezirk im Nordwesten die lebhafte Stadt. Das Viereck des Platzes zerf�llt in zwei Dreiecke, weniger in der Gestalt als in der Nutzung. Rathaus und Bibliothek mit ihren Besuchern, Gesch�fte und Caf�s bestimmen den n�rdlichen Teil w�hrend die S�dostecke mit der v�llig deplazierten Guardia die Finanza ein verschattetes und von Autos verstelltes Abseits bildet. Diese �dnis wird in der warmen Jah-reszeit auch noch von einem gestalterisch nicht gerade inspiriertem Konzertpodiumsunge-t�m diagonal verstellt.
Und wenn schon von der �M�blierung� des Platzes die Rede ist, dann zuerst die gute Nach-richt: die tempor�ren Elemente, die Zelte und Buden f�r Christkindlmarkt, Brotfestival, Alt-stadtfest und andere Veranstaltungen sind jeweils einheitlich gestaltet und das gar nicht mal so schlecht. Immerhin lenkt ihre Aufstellung von dem ansonst eher m��igen �arredo urbano� des Domplatzes ab � das ist die schlechte Nachricht. Immerhin wurde die Platzoberfl�che ruhig und ausschlie�lich im traditionellen Porphyr gepflastert. Auch die gro�en Leuchtmasten passen sich gut in das hervorragende Lichtsystem der Altstadt ein. Aber schon die B�ume auf dem Platz waren ein eklatanter Missgriff � was haben diese sch�tteren japanischen Kirschb�ume hier zu suchen? Sie passen weder von der Art, der Gr��e und der Dichte zum Domplatz. Schatten spenden sie kaum. Hier m�ssten Winterlinden oder Platanen stehen, die volles Volumen entwickeln, sch�n beschnitten werden und nicht so verloren auf der Platzfl�-che herumstehen. Dazu die Brunnen bzw. der Riesenpflanzk�bel. Wie sch�n h�tte die gran-diose Symmetrie des Platzes durch zwei gro�e flache Wasserbecken mit hohen Font�nen gesteigert werden k�nnen! Stattdessen wird der n�rdliche �Brunnen� mit jahreszeitlich wech-selnder spie�iger Vorgartenbepflanzung bebl�melt, w�hrend der andere, s�dliche Brunnen wie ein Kochtopf mit einem Bronzedeckel geschlossen wurde. Kleinere M�blierungsteile wie Telefonzelle, Bekanntmachungstafel, Abfallk�bel aus Waschbeton, Blumenk�sten zur Ab-grenzung der Caf�s und vor allem deren unterschiedliche Tische und St�hle vermitteln ein gestalterisches Kleinchaos, das den zahlreichen Besuchern keinen �berw�ltigenden Ein-druck vermittelt.
Kein Wunder, dass sich bei dieser mangelnden Beachtung einer sorgf�ltigen Gestaltung sich der Domplatz an seinem unteren Ende langsam aber sicher wieder in einen Parkplatz ir-gendwelcher Privilegierter oder r�cksichtsloser Schlaumeier verwandelt hat. Die Milleniums-s�ule k�nnte leicht durch einen Parkautomaten ersetzt werden � st�ndig von Autos und Lie-ferwagen umstellt nimmt sie eh niemand mehr war. Selbstverst�ndlich fuhren und fahren die Finanzer st�ndig mit ihren Dienstwagen provokant �ber den Domplatz, diesen wichtigen Be-amten war ja der kurze Fu�weg von der �ffentlichen Garage an der Dantestra�e durch die Kreuzgasse (max. 3 min ohne Espressopause!) nicht zuzumuten. Und mit irgendwas musste man ja auch die Marende holen.
Nun zieht sie um, die Guardia di Finanza. Wir g�nnen ihr das neue ger�umige Haus. Ciao! Jetzt ist die Chance f�r den Domplatz gekommen rundherum angemessen genutzt zu wer-den. Genutzt werden hei�t aber bei Brixens sch�nstem Platz: Mit Leben erf�llt werden und nicht nur mit kommerziellen Leben! An den Domplatz geh�rt neben dem Rathaus, dem Stadtarchiv, dem Dekanat auch weiterhin die Stadtbibliothek. Deren funktionale �berlegun-gen sollten unter dem Aspekt der zentralen B�rgern�he, die hier sicher besser gegeben ist als im Norden der Altstadt am Acquarena nochmals bedacht werden. Nat�rlich geh�ren auch L�den, Caf�s und vielleicht wieder ein gutes Restaurant zum Domplatz. Aber keine Autos, auch nicht in die Hof-u. Brunogasse!
Was wird sich f�r eine neue Nutzung im ehemaligen Sitz der Finanzer ergeben? Die Stadt Brixen w�rde gerne das Haus f�r eine �ffentliche Nutzung �bernehmen. B�rgermeister P�rgstaller ist aber nicht zu beneiden. Ihm steht die Suche im Labyrinth der r�mischen Ver-waltung des staatlichen Immobilienbesitzes bevor. Bis in den Fluren dieser kafkaesken Be-h�rde die richtige T�r zum richtigen Zust�ndigen gefunden sein wird, kann noch Zeit verge-hen, eine Menge Zeit, die dann auch noch einmal f�r die sicherlich nicht einfache Einigung �ber einen Verkauf, Tausch, Pacht oder �hnliches des Geb�udes ben�tigt wird. Vielleicht kann man aber in der Zwischenzeit einmal ein Gesamtkonzept f�r die weitere m�glichst fest-liche Nutzung und Gestaltung des Domplatzes f�r die Brixner B�rger und ihre Besucher er-arbeiten � die grandiose st�dtebauliche, architektonische und r�umliche Situation ist jeder Anstrengung wert.
Andreas Gottlieb Hempel
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