In einer Gesellschaft, deren Wohlstand auf Verbrauch gegr�ndet ist, f�llt jede Menge Abfall an. W�hrend die zum Konsum bestimmten Produkte mit aufwendiger Werbung unter die Verbraucher gebracht werden, spricht man �ber die meist unappetitlichen Hinterlassenschaf-ten bestenfalls nur in den mit deren Beseitigung beauftragten Kreisen. Wir haben die Brixner Stadtwerke zu den seit kurzem an die Haushalte verteilten 80 l M�lltonnen befragen wollen und sind auf ein viel komplexeres Problemfeld gesto�en als vermutet.
Eigentlich wollten wir nur wissen, ob jetzt jeder Haushalt in Brixen eine der neuen 80 l M�ll-tonnen f�r den Restm�ll gestellt bekommt. Sie sollen die blauen M�lls�cke abl�sen, die von den Haushalten offenbar immer weniger verwendet wurden. Die neuen Tonnen bev�lkern inzwischen in gro�er Zahl die Vorg�rten, Hinterh�fe, Treppenh�user, Tiefgarageneinfahrten usw. denn sie m�ssen auf privatem Grund abgestellt werden und am Entleerungstag einmal w�chentlich an die n�chste Stra�e gestellt werden. Gestalterisch sind sie ja nun wirklich kei-ne wirkliche Zierde, weder f�r den �ffentlichen Raum noch f�r den privaten Bereich, wo h�u-fig �berhaupt kein rechter Platz f�r sie zu finden ist. Im Zusammenhang mit der Nachfrage bei den Brixner Stadtwerken stellte sich die M�llentsorgung und die M�lltrennung � vor allem was die Bem�hung um eine gerechte Abrechnung f�r jeden einzelnen Haushalt betrifft � als ein gar nicht so einfach zu l�sendes Problem dar, das weit �ber diese urspr�ngliche Nach-frage hinausgeht. Deshalb haben wir den Bericht etwas weiter gefasst.
Der Recyclinghof
Zun�chst zu unserem Titel: will man Sperrm�llers besuchen, dann f�hrt man in das Brixner Gewerbegebiet, ganz weit hinten, in die Alfred Ammon Str. 24. Wie bei den meisten Besu-chen bringt man auch hier etwas Anst�ndiges, Handverlesenes mit. Glas, Flaschen, nicht voll sondern ausgesp�lt und ohne Verschl�sse zum Beispiel. Oder was zu Lesen auf Papier - nicht weiter auf stillen �rtchen verschmutzte Zeitungen etwa oder B�cher ohne Kartonde-ckel oder Kunststoffbeschichtung. Vielleicht aber auch was Praktisches f�r den Haushalt wie ein B�gelbrett mit W�schekorb oder eine Couch, die nicht in den blauen Restm�llsack passt aber bitte keine Kleiderb�gel oder Putzlappen � benutzt oder unbenutzt ist nicht gekl�rt. F�r den Besuch bei Sperrm�llers, die praktischerweise direkt im Recyclinghof wohnen, gibt es einen Knigge, eine Benimm-Anleitung, als praktischen und problemlos zu entsorgenden Pa-pierfolder. Ihm kann man sehr �bersichtlich entnehmen, was im Recyclinghof an gutgemein-ten aber unpassenden Geschenken nicht entgegengenommen wird. Sehr empfehlenswert f�r den Besucher, um �rger und Zeit zu sparen!
Verbrauch bedeutet M�ll
Aber noch sind wir in unserer Verbrauchergesellschaft noch nicht soweit, dass wir allen M�ll pers�nlich abliefern m�ssen, auch wenn die angebliche Dienstleistungsgesellschaft immer weniger wirklichen Service anbietet � jedenfalls bei uns. In den USA zum Beispiel entfernen flinke H�nde am Ausgang der Superm�rkte gegen ein kleines Trinkgeld die allf�lligen Verpa-ckungsmengen von dem Inhalt, den man eigentlich erwerben wollte und entsorgen ihn (wer wei�, wohin!? Gerade in den USA!). Aber noch eine Bemerkung zur Konsumgesellschaft: Der Verbrauch gilt als Motor der Wirtschaft. Wenn nicht konsumiert wird, lahmt die Wirt-schaft, siehe unsere deutschen Freunde, die �ber die damit verbundene angeblich schlech-tere Lebensqualit�t gerne auf h�chstem Niveau lamentieren. Die Frage stellt sich, ob unsere Lebensqualit�t wirklich schlechter w�rde, wenn wir weniger konsumieren und folglich weni-ger M�ll erzeugen w�rden statt vielmehr in Kreisl�ufen zu denken und zu handeln. Material- und Energiekreisl�ufe w�rden bedeuten, dass alles was verbraucht wird in gleicher � wenn auch anderer � Wertigkeit wieder in die nat�rlichen Ressourcen zur�ckgef�hrt werden k�nn-te und damit auch den n�chsten Generationen zur Verf�gung st�nde. Wir dagegen sorgen heute daf�r, dass unsere Enkel sehr wahrscheinlich nach dem Ausverkauf der Rohstoffe und im Mangel an Energietr�gern unsere heutigen Wohlstandsburgen als Steinbr�che f�r ein wesentlich k�rglicheres Leben verwenden m�ssen, ganz so wie es nach dem Zusammen-bruch des R�mischen Reiches den damaligen Monumenten erging. Einmal abgesehen von den M�lldeponien, auf deren Ausd�nstungen und Gifte die k�nftigen Archeologen allerorten sto�en werden. Aber da geraten wir ins Philosophieren ohne Ende.
Die M�llabfuhr in Brixen funktioniert bestens
Nein, wir wollten dankbar dar�ber berichten, dass in Brixen der M�ll noch abgeholt wird, re-gelm��ig, zuverl�ssig und sauber, wie es scheint, nicht etwa so wie in Neapel oder Rom, woher uns einst folgende Behauptung beschert wurde: HINC EXCOLUIMUS LINGUIBUS LEGIBUS ARTIBUS. Aber � gerechterweise - man muss sagen, dass diese Ordnung bei uns schlie�lich auf der Basis von wegweisenden Italienischen Regierungsdekreten und S�dtiroler Landesverordnungen beruht. Diese Bestimmungen, beschlossen zwischen 1973 und 1997 liegen der Gemeindeverordnung zur Abfallbeseitigung von Brixen zugrunde. Die Verordnung umfasst 51 Artikel und sollte von jedem, der sich daf�r interessiert, doch einmal gelesen werden. Sie �berl�sst so ziemlich kein Detail der M�llentsorgung dem Zufall, von der Abfall-bewirtschaftung (wem geh�rt eigentlich der M�ll, sobald er im M�llfahrzeug steckt? Dem von der Gemeinde beauftragten Betreiber der Abfallentsorgung und �verwertung!) bis zur Dienstkleidung des Personals (muss vom Betreiber gestellt werden), damit man den M�ll-mann auch erkennt und freundlich bei seiner wenig angenehmen Arbeit gr��en kann. Also, denkt man folgerichtig, so eine gut geregelte M�llentsorgung k�nnte auch ein Gesch�ft sein, man hat ja auch schon vom sogenannten M�lltourismus geh�rt, bei dem man in armen L�n-dern gegen gutes Geld das abl�dt, was die reichen L�nder nicht vor der eigenen Haust�r haben wollen.
Am Ende kommt die Rechnung
Wer als Brixner seine zweimonatliche erscheinende Rechnung �ber �Umweltdienste� � wie die M�llabfuhr soviel wohlklingender hei�t � in den H�nden h�lt, k�nnte schon auf den Ge-danken kommen, dass es ein eintr�gliches Gesch�ft sein k�nnte, gratis sogenannte �Wert-stoffe� abzuholen, diese zu verarbeiten um sie dann finanziell zu �verwerten� und daf�r auch noch Geb�hren beim Zulieferer dieser Wertstoffe zu verlangen. W�re es ein Verlustgesch�ft, w�rde es die Gemeinde ja sicher nicht selbst betreiben, sondern h�tte eine l�stige und defizi-t�re Angelegenheit l�ngst privaten Entsorgern �berlassen, was auch gesetzlich zul�ssig w�-re. So machen es nun aber die Brixner Stadtwerke selbst und verlangen ganz sch�n Knete daf�r, n�mlich 20 Cent am Tag je ans�ssigem B�rger, der au�erhalb der Altstadt in einem Dreipersonenhaushalt lebt und keine M�glichkeit zur Eigenkompostierung hat (auf einem Balkon oder einer Terrasse ist Eigenkompostierung unzul�ssig). Wer selber kompostiert und deshalb keinen Biom�ll-Tarif bezahlt ist etwas besser dran und zahlt 16 Cent am Tag. Die Cents addieren sich und am Jahresende hat der nicht kompostierende B�rger 73,11 Euro gel�hnt w�hrend der Kompostierer auf 56,96 Euro kommt. Immer vorausgesetzt, dass er im Dreipersonenverbund lebt, 920 l M�ll im Jahr erzeugt und die variablen Kosten der Entsor-gung individueller M�llerzeugung als Durchschnitt zugrunde gelegt werden. Noch teurer wird es f�r den alleine in der Altstadt lebenden Brixner B�rger. Er zahlt f�r dieses Privileg 31 Cent am Tag oder 115,54 Euro im Jahr.
Kostengerechtigkeit
Dies ist eine sehr vereinfachte Darstellung der angestrebten Kostengerechtigkeit. Nat�rlich ist in Wirklichkeit alles viel komplizierter um diese Gerechtigkeit zu erreichen. Sie soll den belohnen, der weniger M�ll erzeugt (oder � nat�rlich ungewollt! � denjenigen, der diesen in den Wald f�hrt, in die Tonne des Nachbarn kippt oder keine blauen S�cke benutzt) und den belastet, der viel wegwirft. Die Stadtwerke haben n�mlich ihr Kostenberechnungssystem auf zwei Tarifen aufgebaut: Ein fester Geb�hrensatz enth�lt die Grundgeb�hr - f�r die getrennte M�llsammlung, die Kosten f�r den Recyclinghof, die Kosten f�r Stra�enreinigung, die Ver-waltungskosten und �andere� Kosten (was auch immer darunter zusammengez�hlt wird). Ein zweiter Geb�hrensatz � die mengenabh�ngige Geb�hr - trifft den m�llerzeugenden Verbrau-cher mit einem Entgelt f�r die Kosten der Sammlung, des Transports und der Entsorgung des insgesamt individuell produzierten Restm�lls. Zwischen den ersten Geb�hren, die alle gleichm��ig zahlen und den mengenabh�ngigen Geb�hren besteht kein Zusammenhang. Die Grundgeb�hr errechnet sich aus der Anzahl der Familienmitglieder, die laut meldeamtli-chen Daten im selben Haushalt leben. F�r Zweitwohnungen wird f�r die Berechnung die An-zahl von 2 Personen pro Haushalt herangezogen. Die mengenabh�ngige Grundgeb�hr be-rechnet sich aus den Kosten, die f�r die drei in Brixen nebeneinander bestehenden M�llein-sammelvarianten anfallen. Dies sind einmal die zentral aufgestellten Container mit Mikro-chip-Mengenz�hlung, zum Zweiten die Anzahl der individuell verbrauchten blauen M�lls�cke (oder eben seit neuestem den 80 l Tonnen) pro Haushalt und drittens die elektronische Re-gistrierung der Abfallmenge, welche von Einzelpersonen den ebenfalls zentral aufgestellten Presscontainern zugef�hrt werden.
Vermeidung illegaler Entsorgung
Dem Problem der oben schon angedeuteten illegalen Abfallentleerung soll durch die Ver-rechnung einer Mindestabfallmenge vorgebeugt werden. Lohnt sich der Weg in den Wald wirklich, wenn jeder bereits mindesten 50% bzw. maximal 75% der Restm�llmenge bei den mengenabh�ngigen Geb�hren verrechnet bekommt, die im Vorjahr der Gemeinde bei den Wohnungen pro Person angefallen ist? Diese Mindestentleerungsmenge wird j�hrlich auf die gesamte angefallene Restm�llmenge aller Haushaltskunden in der Gemeinde Brixen festge-legt und als eine Art Rahmengeb�hr verpflichten zugrunde gelegt. Auch wenn die j�hrliche Mindestmenge an Abfall von einzelnen geb�hrenpflichtigen Mitb�rgern nicht erreicht wird, muss trotzdem die volle Grundgeb�hr entrichtet werden. Also bringt die illegale M�llablage-rung keine Vorteile � nur hoffentlich ein schlechtes Gewissen und die kriminelle Belastung unserer Umwelt f�r die wir alle verantwortlich sind.
Die neuen 80 l T�nnchen
Eigentlich war � wie schon erw�hnt � die Einf�hrung einer Restm�lltonne von 80 l je Haus-halt der Anlass daf�r, sich einmal etwas ausf�hrlicher mit der M�llerei zu besch�ftigen. Was bisher der blaue Plastikbeutel leistete, soll nun die kleine Tonne �bernehmen, denn mehr und mehr gew�hnten sich die Verbraucher die ihnen allerorts zugesteckten Plastikt�ten statt der kostenrelevanten blauen Beutel zu verwenden. Die kleine Tonne liegt nun aber nicht wie die blauen Beutel klein und zusammengerollt in der Schublade, sondern steht sperrig herum. Sie muss auf privatem Grund stehen und von jedem M�llverursacher selbst am Tage der M�llabholung auf �ffentlichem Grund gut erreichbar abgestellt werden. Beginnender Selfser-vice also beim M�ll. Der n�chste Schritt k�nnte dabei die individuelle Entleerung im Recyc-linghof sein, der �bern�chste die individuelle Ablieferung in der M�llverbrennungsanlage in Bozen usw. Scherz beiseite: Ausnahmen von der privaten Kleinsttonne werden gestattet wenn man dauernd krank und behindert ist oder aus architektonischen Gr�nden die Aufstel-lung dieser kleinen grauen h�sslichen M�lltonnen auf privatem Grund (etwa den Balkonen, in den Wohnzimmern, im Treppenh�usern oder Tiefgaragen (Fluchtwege nicht verstellen!) ei-nes gro�en Kondominiums) nicht m�glich ist. Wer entscheidet dar�ber? Ist der Anblick die-ser Tonnen all�berall nicht sowieso eine optische Umweltverschmutzung? Es gibt das Ding auch abschlie�bar, damit niemand was raus nimmt oder unbefugt einwirft (laut Abfallverord-nung sind Tonnen, bei denen der Deckel sich wegen �berf�llung nicht mehr schlie�en l�sst unzul�ssig!) � zum Schn�ppchenpreis von nur Euro 18,41 + MwSt. pro Schloss. Trotz aller Anerkennung der Verdienste(in jedem Sinne!) der Stadtwerke um eine ordentliche M�llent-sorgung kann man der Idee der kleinen Einzeltonnen an allen Ecken und Enden unserer Wohngebiete nichts abgewinnen. Da ist die L�sung mit der Chipkarte f�r zentral aufgestellte Gro�container schon zukunftsf�higer und sollte einheitlich f�r das ganze Gemeindegebiet eingef�hrt werden.
Statt neuer M�llsammelvarianten: lieber individuelle M�llvermeidung!
Aber vielleicht kommt ja schon in K�rze ein �berzeugenderes neues Angebot. Die Argumen-tation, dass der Restm�ll ja nicht stinke, wenn man den �brigen M�ll entsprechend entsorge und deshalb die kleinen Tonnen auch locker im Wohnbereich stehen k�nnten er�ffnet jeden-falls besondere innenarchitektonische Perspektiven. Geladene G�ste zum Abendessen mit Einweggeschirr und die Tonne gleich neben dem Esstisch sind keine Zukunftsvision mehr! Aber jeder von uns ist an den M�llbergen t�glich beteiligt und jeder von uns k�nnte mit etwas Aufmerksamkeit M�ll vermeiden. Das f�ngt schon bei der eigenen Einkaufstasche an die man mitnimmt statt sich jedes Mal einen neuen Plastikbeutel im Supermarkt verpassen zu lassen und endet bei den �berlegungen, ob man Gegenst�nde nicht doch noch reparieren und weiterverwenden kann statt sie gleich wegzuwerfen. Dem Verfasser sind sogar kreative �stheten bekannt, die sich �u�erst geschmackvoll mit renoviertem und Sperrm�ll eingerich-tet haben, zum Teil bunt bemalt und sehr einfallsreich zweckentfremdet! Ja � und Konsum-verzicht k�nnte auch die Aussicht auf andere Qualit�ten des Lebens mit weniger M�ll aber mehr Zeit, weniger W�nschen aber mehr Genuss wirklicher, nicht gleich zu Abfall werdender Werte er�ffnen. Aber wir wollten ja nicht philosophieren sondern eigentlich nur �ber die Hin-tergr�nde der 80 l Tonne berichten.
Andreas Gottlieb Hempel
November 2005
(1905 W�rter / 13740 Zeichen mit Zwischenr�umen)