Vortrag am 18. Oktober 2005
St. Ulrich
Referent:
Andreas Gottlieb Hempel
Prof. Dipl.-Ing. Architekt + Publizist
Brixen
Einleitung und Schlussbemerkungen
Einleitung
J�ger waren die ersten Menschen in Gr�den. Sie tauchten in der Mittelsteinzeit auf und hin-terlie�en ihre Spuren auf den Almen der Dolomiten. Dort fand man in j�ngster Zeit ihre Rast-pl�tze. Die Chronisten nehmen an, dass die ersten Siedlungen im Gr�dnertal um 7000 v. C. � also vor mehr als 9000 Jahren � entstanden.
Um das Jahr 1000 n.C. beg�nstigte das milde Klima die Errichtung von Schwaigen und die Bestellung von Feldern bis in eine H�he von 2000 m. Als ab dem 15. Jahrhundert die Tem-peraturen wieder sanken, mussten sie wieder aufgegeben werden. Erst danach bildeten sich jene Wirtschafts- und Bebauungsformen aus, die bis zur Mitte des vergangenen Jahrhun-derts das Landschaftsbild, die Kulturlandschaft, des Gr�dnertals bestimmten.
Man errichtete Ein- und Paarh�fe in klar umgrenzten Fluren. Die Giebelfronten der H�fe wa-ren stets talw�rts gerichtet und besa�en ein gemauertes Untergeschoss mit einem eigenen, talseitigen Zugang in die Lagerr�ume. Dar�ber breitete sich unter einem Satteldach der h�l-zerne S�ller des Wohngeschosses aus, das seitlich zug�nglich war. Mehrgeschossige, h�l-zerne Stadel trugen auf der Talseite unter dem weit vorspringenden Dach das typische Ge-st�nge der fr�her freistehenden Harpfen zum Trocknen der Ernte.
Dieses einheitlich agrarisch bestimmte Bild der Bauten und Siedlungen in einer mit harter Arbeit bestellten Kulturlandschaft - es war einmal. Bereits in der zweiten H�lfte des 20. Jahr-hunderts gingen der bescheidene Handel und die originale Holzschnitzkunst im Gr�dnertal deutlich zur�ck � und mit ihnen die Landwirtschaft.
Die Jungen verlie�en die hoch gelegenen einsamen H�fe um gut bezahlte Arbeit im sich rasch entwickelnden Fremdenverkehr zu finden. Zur�ck blieben alte, immer einsamer wer-dende Menschen, dann standen viele H�fe leer bis zum Abriss und Neubau als Gastbetrie-be, manchmal bis zum Umbau als Zweitwohnsitz.
Die verbliebene Landwirtschaft ist weitgehend mechanisiert. Die alte b�uerliche Lebensart, ihre bisweilen sehr enge Wertegemeinschaft hat aufgeh�rt, die traditionelle Kulturlandschaft ist in den T�lern verschwunden, ebenso die Romantik der H�fe f�r Au�enstehende. Sie schwelgen in verkl�rter Sch�nheit und blenden die harte Arbeit, die bisweilen bittere Not, den Kinderreichtum und die Entbehrungen aus, erinnern bestenfalls die sp�rlichen Vergn�gun-gen an den seltenen Markt- oder Feiertagen und verkl�ren eine arme b�uerliche Lebensqua-lit�t, die keiner von uns heute mehr wirklich ertragen k�nnte.
Dem harten Leben stand aber auch ein seelischer Reichtum gegen�ber, der vielleicht mehr das Gl�ck und die Fr�hlichkeit dieser Menschen einer vergangenen Zeit ausmachte als der materielle Wohlstand. Das Erleben der herrlichen Natur, die von guten Geistern beseelt er-schien, einer Natur, die mit ihrer Gewalt auch zu Furcht und Demut erzogen hat sind ebenso wie die alten Sagen von Hexen, Drachen und Schutzengeln in Vergessenheit geraten.
Geblieben ist allerdings der Flei� und Gesch�ftssinn � zwei Eigenschaften der Gr�dner, die ihnen in harten Zeiten das Durchkommen erm�glicht haben. Zusammen mit einem offenbar weniger entwickelten Sinn f�r Selbstkritik setzen diese beiden an sich so positiven Eigen-schaften der touristischen Vermarktung ihrer Heimat und Identit�t offenbar keine Grenzen. Furcht gibt es wohl nur noch vor einem m�glichen Konkurs und Demut vielfach nur gegen-�ber dem zahlenden Gast.
Rund um das Gr�dnertal ist ein Wander- und Skizirkus entstanden, dessen Gr��e und Per-fektion im Alpenraum wohl nirgends �bertroffen wird. Und der Erfolg gibt �u�erlich den Gr�dnern recht � eine Rekordsaison folgt auf die andere. Gerade f�r die italienischen G�ste trifft der �bliche Gr�dner Neubaustil offenbar den Nerv ihrer exotischen Vorstellungen von �Tirol� von �Sudtirolo vom �Deutschtum� � was immer das auch ist. F�r sie und viele andere scheint das Gr�dnertal nur noch ein Basis-Camp in einer riesigen Sportarena zu sein. Wer dort wohnt, die Einheimischen, spielen gerade mal die Rolle des Sherpa.
Manch sensiblerer Liebhaber des Tales, der es vielleicht schon Jahrzehnte kennt, wendet sich indessen mit Grausen vor der baulichen und atmosph�rischen Entwicklung, die keine R�cksicht mehr auf die echte Tradition, die Baukultur der Vergangenheit, sch�tzenswerte Ensembles, Natursch�nheiten oder eine umfassende nachhaltige Raumordnung zu nehmen scheint. So mag die Kasse zwar im Augenblick klingeln � ob sie das aber auch in weiterer Zukunft tun wird, wenn die �Destination Gr�dnertal� einmal ausgelutscht ist und die Schicke-ria von M�nchen und Mailand zu neuen Events an anderen Stellen, die erst noch zu verw�s-ten w�ren, aufbricht, ist zu bezweifeln.
Lassen sie mich an einigen Bildern zeigen, dass die H�sslichkeit die Sch�nheit zu erdr�cken beginnt, dass an dem Ast ges�gt wird, auf dem man sitzt, dass 9000 Jahre Siedlungsge-schichte und Bautradition in einem Vierteljahrhundert so ver�ndert wurden, dass die n�chste Generation nur noch mit Aufr�umungsarbeiten besch�ftigt sein wird.
Nach dem Spaziergang durch meine Bildlandschaften m�chte ich mit einigen Schlussbemer-kungen Vorschl�ge machen, wie man zu einem zukunftsf�higen und nachhaltigen Umden-ken kommen k�nnte.
(Folgt der Bildteil) Einige Bilder stammen von Kajus Perathoner aus dem Buch Ladinisches Verm�chtnis, einige aus der Zeitschrift �Bell� Italia�,� in der die Welt immer noch heil ist, eines aus den �Dolomiten und alle �brigen habe ich selber in diesem Jahr aufgenommen
Schlussbemerkungen
Ferienziele befinden sich heute in einem scharfen internationalen Wettbewerb. �ber das Angebot, �ber den Preis und �ber das Image. Erstaunlicherweise spielt dabei die Quantit�t eine gr��ere Rolle als die Qualit�t. Wer mehr Liftanlagen vorweisen kann, glaubt das Ren-nen zu machen, wer noch �ber eine unzerst�rte Landschaft verf�gt, meint sich f�r fehlende G�stebetten entschuldigen zu m�ssen � obwohl die wahren Liebhaber S�dtirols gerade des-halb ins Villn�sstal fahren und hoffen, dass es noch lange so bleiben m�ge.
Dabei wird immer mehr die Erfahrung gemacht, dass die Qualit�t ein zukunftssicheres An-gebot ist. Es ist �hnlich wie mit europ�ischen Produkten auf dem Weltmarkt, obwohl wesent-lich teurer finden sie einen gehobenen K�uferkreis, der sie der billigen Massenware vorzieht. In diese Richtung muss das k�nftige Leitbild Gr�dens entwickelt werden.
Ein Leitbild ist kein Logo, kein Marketingzeichen. Es soll ja nicht nur vermarktet werden, was dann unwiederbringlich verloren ist. Verkaufen ja � ausverkaufen nein. Dazu braucht es langfristige Perspektiven, also Leitbilder, die so ganzheitlich und umfassend sind, dass in Kreisl�ufen gehandelt werden kann, welche die Substanz nicht angreifen. Wer die Substanz angreift befindet sich im Ausverkauf.
Leitbilder sind Ziele, keine Gesetze. Leitbilder sind nicht eindimensional sondern komplex.
Ein komplexes Leitbild besteht aus folgenden Segmenten:
Das soziale Leitbild � es betrifft die Gesellschaft, die Familie, das soziale Gef�ge, die Ar-beits- und Wohnverh�ltnisse. Es ist politisch bestimmt.
Das funktionale Leitbild � es betrifft die Infrastruktur mit den Einrichtungen des Verkehrs, der Ver- und Entsorgung usw. Es ist technisch bestimmt.
Das �sthetische Leitbild � es betrifft das Ortsbild, die Architektur, die Bautradition. Es ist baukulturell bestimmt.
Das wirtschaftliche Leitbild � es betrifft die Wirtschaft, den Tourismus, den Handel und das Gewerbe. Es ist �konomisch bestimmt.
Das Leitbild f�r die Umwelt � es betrifft den Umgang mit der Natur, ihren Schutz und ihre Pflege. Es ist �kologisch bestimmt.
Das kulturelle Leitbild � es betrifft die Aus- und Fortbildung, das kulturelle Leben und das Bildungsniveau. Es ist p�dagogisch bestimmt.
Alle Leitbilder haben eine materielle, eine seelische und eine geistige Ebene und entspre-chen damit dem Menschenbild, in dem sich das Physische, das Psychische und das Spiritu-elle durchdringt.
Allerdings gibt die Summe der eben genannten Leitbildsegmente noch kein umfassendes Leitbild, dazu geh�rt ein ganzheitlicher Denkansatz der f�r St. Ulrich und Gr�den folgender-ma�en lauten m�sste:
Ein Leitbild f�r die Kulturlandschaft
Darin erh�lt das soziale Leitbild folgende Bedeutung:
Der Einheimische ist ebenso K�nig wie der Gast. Der Gast wird wie ein K�nig behandelt, wenn er sich so benimmt. K�nigliche G�ste bekommt man nur in entsprechender Umge-bung. Wohnungen an G�ste werden nicht mehr verkauft sondern nur kurzfristig f�r Ferien-aufenthalte vermietet. Kein monatelanger Leerstand von Ferienwohnungen w�hrend f�r die Einheimischen die Miet- u. Kaufpreise unerschwinglich werden.
Das funktionale Leitbild erh�lt diese Bedeutung:
Alle Funktionen ordnen sich der Kulturlandschaft unter und werden auf ihre M�glichkeiten abgestimmt Einschr�nkung des Individualverkehrs, F�rderung des �ffentlichen Verkehrs, Kunstschnee nur sparsam gem�� den vorhandenen Wasserreserven, Obergrenzen der Ver- und Entsorgung langfristig festlegen)
Das �sthetische Leitbild erh�lt dabei folgende Bedeutung:
Die Kulturlandschaft muss wieder dominieren, nicht die Bebauung. Keine neuen Baugrund-ausweisungen, R�ckbau wo m�glich, Umnutzung von vorhandener Bausubstanz, f�r Neubau gelten geringere Kubaturen als f�r den Bestand, nur die besten Architekten d�rfen aufgrund der Analyse traditioneller Elemente der Gr�dner Baukultur bauen
Das wirtschaftliche Leitbild folgt dabei dieser Bedeutung:
Entwicklung von Kreislaufwirtschaft. Nur soviel kann verkauft werden wie wieder ersetzt wer-den kann. Ferienh�user und Ferienwohnungen werden unzul�ssig � denn der spekulative Gewinn daraus geht an meist ortsfremde Investoren � nur im Hotel und Restaurant lassen
die G�ste Geld f�r die einheimische Wirtschaft da. Neben dem Tourismus muss eine kleintei-lige saubere Gewerbestruktur gef�rdert werden. Der Tourismus selbst mu� ein Tourismus der Oberklasse, der Qualit�t und nicht der Masse sein.
Das kulturelle Leitbild muss dann folgende Bedeutung haben:
Erziehung zum Verst�ndnis der eigenen Identit�t, der eigenen Werte. Verst�ndnis daf�r we-cken, dass eine intakte Kulturlandschaft die Lebenssubstanz der Gr�dner ist. Beschr�nkung auf die ureigenen Qualit�ten und die Erkenntnis, dass die eigene Kultur aus der Tradition der Gr�dner Kulturlandschaft und ihrer Geschichte das eigentliche Kapital des Tales ist , das nicht verspielt werden darf ohne dass die Menschen ihre W�rde verlieren.
F�r dieses Leitbild lohnt es sich Umzudenken und den puren Gesch�ftemachern im Sinne der Gemeinschaft das Handwerk zu legen. Dazu geh�rt mehr Zivilcourage und mehr Mut zum Widerstand als bisher. Meckern danach hilft nicht mehr. Die B�rger des Tales, die B�r-ger in St. Ulrich m�ssen sich mehr als bisher politisch zur Wehr gegen den Ausverkauf ihrer Heimat setzen, der nur Wenigen n�tzt aber vielen die Grundlagen der eigenen Identit�t nimmt.
Dazu geh�rt eine unerschrockene Streitkultur und sehr viel Information vorher, bevor wieder ein St�ck Heimat ausverkauft wird. Es gibt die Pflicht zur Information aber auch das Gebot sich rechtzeitig selber zu informieren um Schlimmeres zu verhindern. Es ist zwar Ihr Tal, es geh�rt aber auch der k�nftigen Generation und vielen Freunden dieser Landschaft � so wie bisher kann es nicht weitergehen, so kann man dieses Land nicht hinterlassen.
Also Umdenken und danach handeln. Daf�r w�nschen Ihnen viele Ihrer G�ste und auch ich, der ich das Tal seit �ber 40 Jahren kenne, den Mut zur Einsicht und Umkehr von Masse zur Klasse, zur�ck � oder vielmehr vorw�rts! � zur wahren Kulturlandschaft Gr�den.
Vielen Dank f�r Ihre Aufmerksamkeit und die Nachsicht f�r den schonungslosen Einblick von Aussen.