Universit�tsstadt Brixen?
Immer noch gehen die Meinungen �ber das neue Universit�tsgeb�ude in Brixen auseinander. Aber nach der festlichen Einweihung vor zwei Jahren ist dort l�ngst der akademische Alltag eingezogen. Wir sind der Frage nachgegangen, wie sich der Bau in die Stadt, einf�gt, wie sich seine Funktionen bew�hren und ob Brixen wirklich zu einer Universit�tsstadt geworden ist.
Die neue Universit�t ist in Betrieb
Drei Jahre ist es her, dass der �Brixner� �ber das �Monument der Bildung�, den Bau der Freien Universit�t Bozen in Brixen ausf�hrlich berichtete. Damals hatten die Architekten Regina Kohlmayer und Jens Oberst aus Stuttgart, die den internationalen Architektenwettbewerb zur Planung des Universit�tsgeb�udes gewonnen hatten, �ber ihre Gedanken zum Entwurf des Projektes berichtet. Der Bau war damals nicht fertig und man konnte die �berzeugend dargelegten Absichten der Architekten noch nicht in der Wirklichkeit v�llig nachvollziehen. Nun aber ist das �Monument der Bildung� (wie der �Brixner� den Neubau damals bezeichnete) schon eine Weile in Betrieb und es lohnt sich, den seinerzeit vorgestellten Gedanken nachzugehen um zu sehen, ob die gestellten Ziele auch erreicht worden sind.
Geteilte Meinungen �ber den Neubau
Wir versuchen dies deshalb, weil die Meinungen �ber diese Architektur im Stadtbild Brixens weit auseinander gehen und das moderne Erscheinungsbild der Universit�t direkt am Rande der Altstadt durchaus umstritten ist. Architektur k�nnte man als angewandte Kunst bezeichnen. Einerseits hat sie technische und funktionale Zwecke, die rational messbar sind, zu erf�llen andererseits aber erweckt ihr Erscheinungsbild wie bei jeder Kunst Emotionen, die auf Empfindungen beruhen, die nicht nur verstandesm��ig zu erkl�ren sind. Dennoch sollte man Architektur � wie jede andere Kunst auch - nicht nur gef�hlsm��ig akzeptieren oder ablehnen und subjektiv als �sch�n� oder �h�sslich� abtun. Es gibt auch objektive Kriterien der Bewertung, die allerdings eine eingehendere Besch�ftigung mit dem Thema voraussetzt um die Beurteilung eines Geb�udes in seinem architektonisch-k�nstlerischen Wert aus dem f�r die Allgemeinheit unverbindlichen Bereicht des pers�nlich Empfindens herauszuheben.
St�dtebauliche Einf�gung
St�dte in den Bergen haben den Vorteil, dass man sie von oben betrachten und somit ihre Gliederung, ihre Strukturen und ihre herausragenden Monumente gut verstehen kann. Wer Brixen so von oben betrachtet, dem fallen zun�chst zwei Dinge auf: die chaotische Zersiedelung um die Alstadt und die klar ablesbare Struktur der Altstadt mit der engen kleinteiligen B�rgerstadt der Lauben und die weitl�ufig angelegten Bereiche der ehemaligen Bischofsstadt mit Dom, Hofburg und Klosteranlagen. Hinzu kommt der im Verh�ltnis sehr gro�e Domplatz und die mit G�rten durchgr�nten Villenbereiche im Westen und Osten der Stadt, die noch in alt�sterreichischer Zeit entstanden sind. Wer nun am Rande der Altstadt ein so gro�es Geb�ude wie die Universit�t zu planen hat, wird sich mit diesen Strukturen auseinander setzten. Die Architekten haben sich � schon wegen des beschr�nkten Grundst�ckes f�r die gro�e Baumasse � entschieden, sich am benachbarten kompakten Komplex der bisch�flichen Hofburg zu orientieren. Schaut man von oben auf die Stadt f�llt die �hnlichkeit von Masse, Ma�stab und Umfang des Neubaus mit den Volumina der Hofburg sofort ins Auge. Hat die Hofburg im Norden den intimen Hofgarten so weist die Universit�t im Westen eine �hnlich dimensionierte Freifl�che auf, die leider mit Ausnahme von ein paar Lindenb�umen eine betonierte Busbahnhofw�ste an der befahrenen Brennerstrasse ist. Dennoch ist die st�dtebauliche Einf�gung der gro�en Baumasse wegen dieser �berlegten �bernahme vorhandener Strukturen �u�erst gegl�ckt, nicht zuletzt durch die Beschr�nkung in der H�he und die �ffnung des Erdgeschosses auf St�tzen, welche die Thematik der Lauben auf moderne Weise �bernimmt. Architektonische Einf�gung
Nat�rlich kann sich ein moderner Universit�tsbau nicht mit romantischer Altstadtcamouflage umgeben oder gar in pseudotirolerischer Verkleidung wie manch neues Gro�hotel in den Alpen daherkommen. Hier ist der architektonische Ausdruck unserer Zeit gefragt. Funktionale Anforderungen und moderne Fassadentechnik haben es nahegelegt mit einer transparent erscheinenden Architektur einen Kontrapunkt zu den massiven Geb�uden der Altstadt und der Bischofsstadt mit ihren gemauerten Lochfassaden zu setzen und damit die gro�e Baumasse leichter, schwebender erscheinen zu lassen. Ist das gegl�ckt? Leider nur teilweise. Wer sich eine leicht wirkende Glasfassade mit feingliedrig vorgesetzten Metallgest�ngen f�r Sonnenschutz und Reinigung vorgestellt hatte � eine Konstruktion, welche die gro�en der Fassaden spielerisch h�tte aufl�sen k�nnen � sah sich get�uscht. Glasfassaden wirken nicht automatisch transparent. Im Gegenteil, tags�ber k�nnen sie glatt, dunkel und abweisend wirken. Erst am Abend, wenn sie hinterleuchtet sind erscheinen sie durchsichtig. Genau das ist auch bei der Brixner Universit�t der Fall. Zwar stellt die Fassade keine glatte Haut dar, in der sich die Umgebung spiegelt und damit das Geb�ude selbst seltsam charakterlos erscheinen l�sst aber durch den versetzten Wechsel von vertieft angeordneten Klarglasscheiben neben hervortretenden Glaselementen aus transluzentem Rohglas ergibt sich eine unerwartete Schwere des Erscheinungsbildes. Das Rohglas wirkt gr�nlich abweisend wie geschlossene Bauteile. Die stockwerksweise versetzte Anordnung der gescho�hohen Fassadenteile f�hrt zu plumpen Eckausbildungen und einer Art Schachbrettmuster, das der Fassade eine zus�tzliche Schwere und Anonymit�t verleiht. Das Ziel einer leicht wirkenden transparenten Fassade wurde leider verfehlt.
Die Architektur in ihren Details
Man k�nnte die Architektur als die Kunst der Fuge bezeichnen. Fugen entstehen dort, wo Bauteile und unterschiedliche Materialien aufeinandertreffen und zusammengef�gt werden m�ssen. An diesen Stellen wird nicht nur �ber die Dauerhaftigkeit und Dichtigkeit einer Konstruktion entschieden sondern auch �ber die �sthetische Erscheinung der Details, die in ihrer Summe auch �ber die gesamte Gestaltqualit�t eines Baues entscheiden. Mangelnde Durcharbeitung oder gar Murks k�nnen da schon mal das beste Gesamtkonzept infrage stellen. Unbestritten haben wir es beim Neubau der Brixener Universit�t mit einer hochqualifizierten Ausarbeitung im Detail zu tun. Selbst die Schalungsfugen des Sichtbetons, der in allerh�chster Sorgfalt ausgef�hrt wurde, bilden ein wohl�berlegtes Netz um den gesamten Bau. Auch die F�gung der Metallelemente zu den Betonteilen sind hervorragend geplant und ausgef�hrt. Nicht zu reden von der innovativen Qualit�t der Fassade selbst � ein Meisterwerk der Fassadenbautechnik, trotz der vorher ge�u�erten Einw�nde zur architektonischen Gesamterscheinung. Bleibt nur die Frage, ob es wirklich notwendig ist, einfache Funktionen wie das L�ften von R�umen technologisch so anspruchsvoll und damit auch kostspielig auszuf�hren. Aber die konsequent durchgehaltenen Detailqualit�t unterstreicht den ernsten, ja fast kargen Charakter einer Architektur, die wohl das Erscheinungsbild einer fast kl�sterlichen Strenge f�r eine kontemplative Konzentration auf die geistige Arbeit akademischer Ausbildung erm�glichen soll. Diese architektonische Haltung kommt der ausdr�cklich erw�nschten Arbeitsatmosph�re in der Universit�t sehr zugute. Im Sinne der Detailausf�hrung ist die Architektur des Neubaus au�erordentlich gut gelungen.
Das funktionale Konzept
Das Raumprogramm und die r�umliche Aufteilung einer Universit�t folgt nat�rlich dem didaktischen Konzept, das den Studieng�ngen zugrunde gelegt wird. Da sich solche Konzepte �ndern k�nnen, muss der Bau nat�rlich auch eine gewisse Flexibilit�t aufweisen. Es gibt im Brixner Neubau grunds�tzlich drei Raumtypen: f�r Vorlesungen, f�r Seminare und sog. Labors, das sind R�ume, die f�r bestimmte Funktionen entsprechende Einrichtungen vorsehen (z.B. Musik, Naturwissenschaften usw.). P�dagogisches Grundprinzip ist das Lernen in Gruppen von maximal 25 Studierenden. F�r die jetzt immatrikulierte 1 800 Studenten und etwa 250 Dozenten bietet das Haus nach Aussage des Dekans, Prof. Gerwald Walln�fer, optimale Bedingungen. Das funktionale Konzept wurde in der Architektur so umgesetzt, dass ein Haus im Haus entstanden ist:: ein einh�ftiger Ringbereich (au�enliegende Einzelr�ume mit innenliegendem Flur) umschlie�en einen Kern, der mit Vorlesungss�len, Bibliothek, Mediathek, Speisesaal und zur Nutzung freien Fl�chen den vom �u�eren Ring gebildeten Innenhof ausf�llt. In diesem Kern liegt auch die verschr�nkte Treppenanlage, die von den zwei Foyers � dem im Westen vom Busbahnhof und im Osten von der Altstadt zug�nglichen � erreichbar ist. Nur die Bibliothek ist aus organisatorischen Gr�nden ausschlie�lich �ber einen zentralen Eingang erreichbar. Ansonsten soll sich das Prinzip der didaktischen Offenheit und Transparenz auch im Geb�ude ausdr�cken. Dies wird u.a. auch durch gro�z�gige Verglasungen um den Kernbereich erreicht. Durch Lichth�fe und Lichtdecken kann das Tageslicht bis in das Untergeschoss einflie�en. Im obersten Geschoss sind zwei offenen Terrassen angeordnet, welche die sehr knapp bemessenen Freifl�chen erg�nzen und sehr sch�ne Ausblicke �ber die Stadt und auf die Bergh�nge erm�glichen.
Die Atmosph�re
Von verschiedenen Seiten aus der Studentenschaft aber auch von manchen Dozenten ist die Meinung zu h�ren, das Geb�ude strahle eine graue und kalte Atmosph�re aus, es fehle an Farbe und lebendiger, anregender Gestaltung. Interessanterweise kommen diese Einwendungen �berwiegend von den deutschsprachigen Nutzern, die Italiener scheinen mit dieser Art der Atmosph�re weniger Schwierigkeiten zu haben. In der Tat wirkt das Geb�ude auf den unvoreingenommenen Betrachter in den Innenr�umen zun�chst karg, k�hl und schmucklos. Dekan Walln�fer, der die Planung des Geb�udes von den Anf�ngen und als Mitglied der Jury des Architektenwettbewerbes auch w�hrend der gesamten Planungs- und Ausf�hrungsphase entscheidend mitbegleitete gibt jedoch zu bedenken, dass ganz bewusst eine Atmosph�re der Konzentration auf das Wesentliche, der Kontemplation in der Art m�nchischer Kargheit und der Meditation f�r ungest�rtes Studieren gew�nscht und angestrebt wurde. Dies sei mit der sehr konsequenten, sparsamen und auf das Wesentliche reduzierten Gestaltung seiner Meinung nach auch erreicht worden und w�rde von der �berwiegenden Zahl der Studenten und Dozenten als sehr angenehm akzeptiert und in einer Zeit der Reiz�berflutungen als konzentrationsf�rdernd empfunden. Nat�rlich seien von verschiedenen Seiten bereits Anregungen beispielsweise zu einer farblichen Ausgestaltung der R�ume gekommen, diese Vorschl�ge seien aber zugunsten der genannten Konzentration auf das Wesentliche, der r�umlichen Klarheit und deren meditativer Ausstrahlung immer wieder verworfen worden. Es m�sse ja auch ein Unterschied sein zwischen privaten R�umen und den R�umen zum studieren, die eher eine neutrale Atmosph�re erfordern. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Innenr�ume einen sehr gepflegten Eindruck machen. Es fehlen v�llig die an manchen Unigeb�uden zu beobachtenden Schmierereien, Grafitti, Plakatierungen, Manifeste usw. Papierreste, M�ll, Abfall liegen nirgendwo herum. Man achte eben sorgsam auf Ordnung, das Haus und den Umgang miteinander, so Dekan Walln�fer.
Die Ausstattung
Wer bereits viele Universit�ten besichtigt hat, wird zugeben m�ssen, dass die Ausstattung des neuen Geb�udes in Brixen von besonderer Qualit�t ist und seinesgleichen sucht. Da wurde an den Lehrmitteln und der erforderlichen Technik daf�r nicht gespart. Alle R�ume verf�gen �ber die neuesten elektronischen Einrichtungen f�r Powerpointpr�sentationen, Computeranschl�sse, Vernetzung usw. Das Mobiliar folgt der kargen und strengen Innenarchitektur ist aber von bester und dauerhafter Qualit�t. Die Architekten haben auch hier auf jeden modischen Gag verzichtet zugunsten einer Zur�ckhaltung, die nicht gleich das gestalterische Verfallsdatum in sich tr�gt � m�glicherweise auch ein Grund f�r den nirgends zu beobachtenden Vandalismus, der sonst an Universit�ten fast unvermeidlich erscheint. Es mag sein, das die B�ros der Dozenten nicht den g�ngigen Wohnlichkeitsvorstellungen mancher Lehrpersonen entsprechen, die diese auch gerne auf ihre Dienstr�ume �bertragen m�chten. Auch hier ist die fast m�nchische Kargheit, die sich durch das ganze Geb�ude zieht zu beobachten. Technisch fehlt es jedoch an nichts und ein konzentriertes Arbeiten ist trotz � oder gerade! � wegen fehlender Gem�tlichkeit m�glich. Ob allerdings jeder sich gleich mit der komplizierten Technik f�r L�ftung und Verschattung der Fassade anfreunden kann ist die Frage. Der Autor w�rde sicher lieber ein gewohntes normales Fenster �ffnen oder schlie�en oder einen Vorhang zuziehen als elektrische Kn�pfe f�r Klappen und Jalousien bet�tigen. Die klassische Mauerwerksbauweise mit schlichten Fenster�ffnungen hat es Jahrhunderte lang auch ganz gut getan, vor allem was die W�rmespeicherung und Isolierung allein durch ihre Masse betraf. Vielleicht werden die Betriebs- und Unterhaltskosten dieser �innovativen� Fassadenkonstruktionen eines Tages so unerschwinglich, dass man nolens - volens wieder zu dieser bew�hrten und stabilen Bauweise zur�ckkehren muss. Dar�ber lie�e sich trefflich philosophieren, allerdings wohl kaum mit Architekten, die sich auf ihre Moderne etwas zugute halten.
Ist Brixen eine Universit�tsstadt geworden?
Zum Schluss wollen wir dieser Frage nachsp�ren. Hat sich das t�gliche Leben der Stadt durch die Universit�t ver�ndert? Sp�rt man studentisches Leben in Brixen? Offengestanden � nein. Keine l�rmenden Studentenkneipen, keine studentischen Jazzbands, keine In-Caf�s f�r Studiker, keine Kellerh�hlen f�r verschworene Insider mit Einlasskontrolle, kaum Studenten im Stadtbild. In das neue Geb�ude huschen zwar junge Leute hinein und huschen wieder hinaus � aber wohin? Sie bev�lkern jedenfalls nicht mit anregendem L�rm und Geplauder die Stra�en der Altstadt, demonstrieren nicht gegen irgend etwas, den Irakkrieg, Berlusconi, Bush oder die Mensageb�hren so wie anderswo. Sie verschwinden nach getaner Seminararbeit ebenso lautlos wieder wie sie gekommen sind. Woran liegt das? Dekan Wallnh�fer hat daf�r eine plausible Erkl�rung: die meisten Studenten kommen aus der n�heren Umgebung und fahren wieder nach Hause, husch, husch, weg sind sie. Der Grund: kaum ein Student kann sich die �berteuerte Wohnsituation in Brixen leisten. Gro�e Wohnungen, wo Studenten auf klassische Weise ein Zimmer mieten k�nnten, gibt es in Brixen kaum. Ein Studentenheim fehlt. Also wohnen die Studenten nach M�glichkeit brav bei Ihren Eltern � eine studentische Szenerie wie in anderen klassischen Universit�tsst�dten kann so einfach nicht entstehen. Vielleicht ist die Uni ja auch noch zu kurz da und noch keine verwurzelte Einrichtung. Aber das kann ja noch kommen. Die Universit�t Brixen ist noch im Aufbau. Was bei den Studenten derzeit zu beobachten ist, gilt �brigens auch f�r die Dozenten. Nach anf�nglicher Begeisterung f�r Brixen machen viele wieder einen R�ckzieher bei ihrer Bewerbung, wenn sie das Preisniveau von Brixen vor allem bei Wohnungen erfahren. Dann doch lieber gleich M�nchen oder Innsbruck, also eine �richtige� Universit�tsstadt, die Brixen eben erst noch werden muss.
Andreas Gottlieb Hempel 15.01.2006 (2 103 W�rter / 15 421 Zeichen mit Leerzeichen)
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