Brixner 0107
Im Zeitalter der Globalisierung, des globalen Austausches und Tourismus, drohen Identit�t und Eigenheiten der Regionen im Einheitsbrei von Durchschnittsarchitektur und allgemeiner Nivellierung verloren zu gehen. In vielen Teilen Europas wird der Ensembleschutz bereits als eine Ma�nahme betrachtet um den Charakter der gebauten Umwelt zu bewahren. In S�dtirol scheint er allerdings nicht auf allgemeine Zustimmung zu sto�en.
Ein Ensemble ist ein Baugruppe oder eine Landschaftssituation, die ortsbild- bzw. landschaftspr�gend zur Identit�t einer Region beitr�gt. Ensembles sind durch Bautradition, Baukultur und die Arbeit von Menschen f�r ihre Kulturlandschaft in Jahrhunderten entstanden. Sie tragen dazu bei, dass sich die Menschen in ihrer Heimat zu Hause f�hlen, dass diese f�r sie unverwechselbar ist.
Verlust der Mitte
Leider hat sich in unserer Zeit alles beschleunigt. Noch nie ist soviel und � leider muss man das feststellen � so h�sslich gebaut worden. F�r das, was fr�here Generationen mit sicherem Gef�hl passend in der Bautradition ihrer Heimat fortgef�hrt haben, ist offensichtlich der Ma�stab, das Ma�halten � die Mitte sozusagen � verloren gegangen. Und es ist sehr schwer, dasjenige mit gesetzlichen Ma�nahmen zu erzwingen, was die Menschen von heute nicht mehr als angemessen erkennen. Dennoch versucht z. B. die Denkmalpflege zu verhindern, das die Zeugnisse der Vergangenheit nicht gedankenlos abgerissen oder verunstaltet werden. Der Denkmalschutz ist jedoch nur f�r Einzelbauten wirksam - leider auch nicht immer, wenn man an den Verlust zahlreicher historischer Bauten denkt, die wirtschaftlichem Gewinnstreben zum Opfer gefallen sind. F�r zusammenh�ngende Ortsbilder, Stra�en- und Platzr�ume und besonders typische Situationen gab es bisher keinen regelnden Schutz.
Ensembleschutz � ein wirksames Hilfsmittel?
In verschiedenen Regionen Europas hat sich der Ensembleschutz bereits �ber Jahrzehnte bew�hrt, etwa in Bayern seit �ber drei�ig Jahren. Der Ensembleschutz fordert von den Planern und Architekten bei Bauma�nahmen im ausgewiesenen Ensemblebereich eine genauere und sorgf�ltigere Bestandsaufnahme. Allein durch die genaue Kenntnis von Ma�stab, Material und Struktur der Umgebung wird ein fachlich geeigneter und sensibler Planer seine Planung entsprechend einpassen. Dar�ber hinaus ist er verpflichtet, diese zusammen mit der umgebenden Situation in Pl�nen, Modell und Fotosimulation auch f�r die Beurteilung durch die genehmigenden Beh�rden nachvollziehbar darzustellen. Mit diesen sicherlich aufwendigen planerischen Ma�nahmen kann bereits eine h�here Gestaltungsqua-lit�t im Sinne des Ensembles erreicht werden. Die Wahl eines qualifizierten Planers ist f�r den Bauherrn dabei allerdings Voraussetzung. �berhaupt wird sich ein verantwortungsbe-wusster Bauherr seiner Umgebung verpflichtet f�hlen, aber wie viele Neubauten zeigen, ist dies nicht immer der Fall. Besonders dann nicht, wenn die Bauma�nahme von einem vielleicht sogar ortsfremden Investor zum Weiterverkauf durchgef�hrt wird.
Ensembleschutz in S�dtirol
In S�dtirol wurde der Ensembleschutz erst relativ sp�t eingef�hrt. Die Zersiedelung von D�r-fern und Landschaften unserer Region in den vergangenen zwei Jahrzehnten veranlasste die Landesregierung entsprechende Bestimmungen zu erarbeiten nach denen die St�dte und Gemeinden bis zum April 2006 die Verzeichnisse von Ensembles in ihrem jeweiligen Bereich der Ensemblekommission des Landes h�tten vorlegen sollen. Dieser Termin wurde aber nur von zwei Gemeinden eingehalten: Branzoll und Brixen-Stadt. In 80 von den 116 S�dtiroler St�dten und Gemeinden wurden keine Ma�nahmen zur Festlegung von En-sembles getroffen. In der Mehrzahl wurden auch die B�rger nicht von Sinn und Zweck des Ensembleschutzes unterrichtet. Dadurch wurden wohl falsche Vorstellungen vom Sinn des Ensembleschutzes geweckt. Der Bauernbund vermittelte seinen Mitgliedern beispielsweise den Eindruck, dass der Ensembleschutz Hoferweiterungen fast unm�glich mache. K�rzlich hat sich allerdings der Pusterer Bauernbundobmann Viktor Peintner mit Landesrat Michel Laimer, den Heimatpflegern und der Plattform pro Pustertal solidarisiert und ist f�r den En-sembleschutz eingetreten. Die Stimmung, dass der Ensembleschutz eine weitere Zwangsja-cke f�r Baugenehmigungen sei und den Bestand unter eine �K�seglocke� stelle war wohl f�r die Fraktionen um Brixen der Grund, dass keine der Brixner Fraktionen, die im Auftrag der Gemeinde Brixen von Arch. Robert Folie, Dr. Helmuth Staffler und Arch. Claudio Polo erar-beiteten Ensemblefestlegungen beschlossen und eingereicht hat.
�berpr�fung in den Brixner Fraktionen
Der Verein heimatBrixen/Bressanone/Persenon hatte deshalb den gesamten Sommer 2007 �ber in Ortsbegehungen der Fraktionen pr�fen wollen, ob die in den Fraktionen festgelegten Ensembleabgrenzungen sinnvoll sind. Insgesamt wurden die Fraktionen Tils, Pinzagen, Pairdorf, Tsch�tsch, Karnol, Mairdorf, Mellaun, Klerant, Albeins, Sarns und Elvas besucht und anhand der Festlegungen der Gemeinde Brixen Texte und Abgrenzung auf ihre Schl�s-sigkeit untersucht. In sechs Kolumnen hat der Verein im �Brixner� diese Begehungen kom-mentiert und am 30. November in der Cusanus-Akademie eine gut besuchte Veranstaltung zum Thema des Ensembleschutzes in den Brixner Fraktionen abgehalten. Es sprachen der Obmann des Heimatpflegeverbandes Peter Ortner zu den Zielen des Ensembleschutzes, Prof. Andreas Gottlieb Hempel mit umfangreichem Bildmaterial zu den Erfahrungen in den Fraktionen und Architektin Ingrid Mitterer �ber die Beratung einer Hofstelle im En-sembleschutzbereich oberhalb von Klausen.
Folgerungen
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Ensembles in den Fraktionen offenbar unter gro�em Zeitdruck vorgeschlagen wurden. Sie umfassen zum Teil Bereiche mit Geb�uden unterschiedlichster Art, so dass f�r einen Bauwerber die Beurteilung der Qualit�ten� eines Ensembles schwierig wird � wonach soll er sich in einem heterogenen Ensemble denn nun richten? Meist w�ren mehrere kleinere Ensemblebereiche besser f�r die Charakterisierung einer Baugruppe oder besonderen Situation als ein zu gro�er Umfang, der zuviel Unterschiedliches enth�lt. Zudem sind die meisten Beschreibungen der Ensemblecharakteristik zu wenig aussagekr�ftig als dass sie dem Bauwerber und Planer eine klare Grundlage bieten k�nnten. Hier muss unbedingt noch eine verfeinernde Nacharbeit geleistet werden. Dabei muss es auch darum gehen, was denn nun in direkter Nachbarschaft zu einem Ensemble aber au�erhalb dessen Grenzen geschehen soll. Kann dort wild drauflosgebaut werden?
Information tut not!
Um den Ensembleschutz wirkungsvoll in Kraft treten zu lassen ist dringend mehr Information f�r die direkt Betroffenen erforderlich. Dabei muss ganz klar gemacht werden, dass es um den Erhalt der Identit�t der S�dtiroler Orte und Kulturlandschaften geht � sie ist neben der Heimat f�r die Bewohner auch das Kapital f�r das wirtschaftliche Standbein Nr. 1, den Tourismus. Das Gesetz zum Ensembleschutz ist klar definiert und in den Ausweisungskriterien eindeutig geregelt. Die Baut�tigkeit wird weder ausgeschlossen noch behindert, Ensembles nicht als unver�nderlich betrachtet und die Betroffenen haben durchaus ein Mitspracherecht und k�nnen �nderungen einbringen. Erforderlich ist jedoch eine klare Entschlossenheit der Politik, den Ensembleschutz auch durchzuf�hren und die eigenen Vorgaben umzusetzen. Da scheint es sowohl in der Landes- als auch in der Kommunalpolitik aus den unterschiedlichsten Gr�nden noch weit zu fehlen.
Andreas Gottlieb Hempel
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