Dienstag, 17.07.2007 | Von Oben gesehen

Dolomiten Baukultur Juli 2007

In S�dtirol kann man alles von Oben sehen. Von den Bergen aus erkennt der Wan-derer fast alles, was im Tal an Baulichkeiten errichtet wird und wie es sich in die empfindliche Kulturlandschaft einf�gt. Bei unserer Diskussion �ber Einkaufszentren und Gewerbegebiete haben wir die alte Bischofsstadt Brixen einmal so betrachtet.

Etwa acht Prozent der Fl�che S�dtirols eignet sich nur zur dauerhaften Besiedelung und st�ndigen Bewirtschaftung. Das ist unsere Kulturlandschaft, die durch den Flei� der Menschen �ber Jahrhunderte ihre Gestalt gewonnen hat, Grund f�r die Anzie-hungskraft, die sie bisher ausge�bt hat. Der Charakter der Kulturlandschaft ist im Wesentlichen durch eine kleinteilige Landwirtschaft mit Mischcharakter gepr�gt worden. Diese Wirtschaftsweise wurde nach dem ersten Weltkrieg durch die In-dustrialisierung vor allem um Bozen ver�ndert und in den letzten Jahrzehnten durch �berwiegend kleinteilige Gewerbestrukturen und Dienstleistungen verdr�ngt. Auch die Landwirtschaft ist zur Monokultur �bergegangen. Ein Beispiel sind die Ap-felplantagen im Vinschgau. S�dtirols Wirtschaft ruht heute auf den drei S�ulen Landwirtschaft, Tourismus und Gewerbe. Gerade f�r den letzteren Bedarf wurde in S�dtirol in den vergangenen Jahren mehr als je zuvor gebaut. Aber der Wohlstand daraus erscheint aus der Sicht des Landschaftsverbrauchs und der Baukultur teuer bezahlt.

Wer beispielweise einmal den Brixner H�henweg hoch �ber der Stadt entlang wan-dert, erkennt, das der historische Stadtkern Brixens inzwischen den kleinsten Teil der bebauten Fl�chen einnimmt. Dicht gedr�ngt, mit urbaner Mischnutzung und gut gepflegt bildet die Altstadt den immer noch klar erkennbaren Mittelpunkt eines fast uferlos erscheinenden Siedlungsbreis. Von Oben erkennt man gut, wie sich um die Altstadt herum in der alt�sterreichischen Zeit vor dem Ersten Weltkrieg noch eine neue st�dtebauliche Struktur gelegt hat: Pavillonartige herrschaftliche Villenbauten in G�rten mit sch�nen alten B�umen. Aber danach verlieren sich erkennbare st�dtebauliche Strukturen. Was unsere Zeit zur Stadterweiterung in Brixen beige-tragen hat kann man mit Ausnahme der Neubausiedlung Rosslauf nur noch als Zersiedelung bezeichnen. Aber auch der Rosslauf, von Oben betrachtet noch eine zusammenh�ngende Stadterweiterung, entpuppt sich bei n�herer Betrachtung der Einzelbauten als ein Beispiel des gestalterischen Chaos unserer Tage. Aber auch die gro�z�gigen Villengrundst�cke der k.k. Zeit werden mehr und mehr aufgeteilt und mit Neubauten durchsetzt, deren Qualit�t nicht immer an den Bestand heranreicht.

Vielmehr ins Auge fallen von Oben gesehen jedoch die Wucherungen der Gewerbe-bauten im S�den der Stadt und im Norden, wo die Gewerbesteppe bereits zu gro-�em Teil im Gemeindegebiet von Vahrn liegt. Die einstmals so sch�ne Auenland-schaft westlich des Eisack ist � von Oben gesehen � einfach dicht zugebaut. Da macht man sich seine Gedanken, welchen Eindruck wohl ein mit dem Auto auf der Staatsstra�e Durchreisender von der Stadt haben mag, wenn er von Norden oder von S�den kommend in die Stadt einf�hrt, die f�r ihre Baugeschichte so ber�hmt ist. Viel sieht er nicht davon. Kommt er von S�den, von Klausen, aus der Enge des Ei-sacktales, so sieht er das sich weitende Brixner Becken mit einer Hochstra�e ver-stellt. Eine konstruktiv aufwendige Br�cke bildet dazu eine unpassende Landmarke. Wenig vermittelndes Gr�n. Ebenso wie bei der Einfahrt von Norden, wo die unter-schiedlichsten Bauformen, Gro� und Klein, beziehungslos aneinandergereiht stehen. Wer Brixen im Inneren noch nicht kennt, der wird schauen, dass er rasch weiter kommt.

Wie konnte dieses f�r die alte Bischofsstadt so unw�rdige Durcheinander entstehen? Offensichtlich war man froh �ber jeden sich niederlassenden und steuerzahlenden Betrieb und h�tete sich ihm mit Bauvorschriften, Gestaltungssatzungen oder Gr�n-ordnungspl�nen die Laune zu verderben. Das Ergebnis haben nun alle B�rger, G�ste und Besucher zu verkraften. Was kann getan werden? Brixen hat sich durch eine vorausschauende Politik eine hervorragende Infrastruktur geschaffen. Citybus, Kl�ranlage, Rad- u. Fu�wegenetz, Fu�g�ngerbereiche, Fernheizung, Ausbildungseinrichtungen, Altstadtrenovierung usw. usw. sind beispielhaft. Nicht einzusehen, dass die Baukultur in den Gewerbegebieten zu kurz gekommen ist. Noch besteht die Chance zusammen mit dem geplanten Leitbild f�r die Stadt mit einem umfassenden Masterplan Zeichen zu setzen: Klare Bau- und Gestal-tungsvorschriften f�r H�he, Masse und Erscheinungsbild zusammen mit einem Gr�nordnungsplan k�nnten die heutige unbefriedigende Situation deutlich verbessern. Begleitende Baumpflanzungen entlang der Einfallstra�en k�nnten das bestehende bauliche Durcheinander zumindest gn�dig verh�llen und eine Durchgr�nung der Gewerbefl�chen w�rde neben der Versch�nerung des Stadtbildes auch die Bedingungen f�r die dort Arbeitenden verbessern � vom gef�lligeren Anblick von Oben einmal ganz zu schweigen!

Andreas Gottlieb Hempel



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Andreas Gottlieb Hempel
Prof. Dipl.-Ing. Architekt & Publizist
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