Dienstag, 04.09.2007 | Der Kommentar

Alles ist Architektur

Sonntags pflegt der interessierte B�rger durch sein Stadtviertel zu spazieren und bleibt gerne vor den Neubauten stehen um sie n�her zu betrachten. Da f�llt manch kritisches Wort �ber einen harmlosen Garagenanbau, eine Gartenmauer, Balkone und andere Details, die vielleicht gerade nicht den pers�nlichen Geschmack des Bet-rachters treffen. Tiefergehende architektonische Kenntnisse zu einer begr�ndbaren Ablehnung oder Zustimmung sind zwar selten vorhanden aber die Beurteilungen ob sch�n, h�sslich, passend oder unm�glich sind schnell gef�llt. Anschlie�end geht es mit der Familie ins Gr�ne, vielleicht �ber M�hlbach ins Pustertal. Die Untertunnelung des Ortes, in dem sich fr�her die Autoschlangen stauten, wird dankbar und in hohem Tempo durchfahren. Kein Wort aber �ber die abstruse Verschandelung des Tors zum Pustertal durch gewaltige Betonmauern, die v�llig unstrukturiert mit Granitplatten be-klebt sind und durch ihren brutalen Eindruck den Ort selbst v�llig in den Schatten stellen. Auch am Ende des Tunnels, wenn die gut restaurierte Ruine der Haslacher Klause ins Blickfeld kommt, regt sich der B�rger nicht dar�ber auf, dass diese mittel-alterliche Befestigung als Monument des Jahres 1809 im Asphaltsee der Stra�en-einm�ndungen zu ersaufen scheint, im Hintergrund kakophonisch erg�nzt durch ein weiteres technisches Bauwerk, die Kl�ranlage an der Rienz.
Was lernen wir daraus? Technische Bauwerke wie Stra�en, Br�cken, Elektromasten, Stauwehre oder eben auch Kl�ranlagen werden als schiere Notwendigkeiten einfach so ungestalt hingenommen w�hrend sich bei der kleinsten Hausbauaufgabe mehr oder weniger kompetente Baukommissionen �ber Gestaltungsfragen zerstreiten und manchen Bauwerber � zu recht oder zu unrecht � am ausgestreckten Genehmi-gungsarm verhungern lassen.
Unser B�rger war schon vorher freudig durch die Kehren oberhalb von Vahrn ge-kurvt, die durch den n�rdlichsten und wohl ber�hmtesten Kastanienhain des Eisack-tals geschlagen wurden. Auch dort wurde alles mit Granit beklebten Betonmauern und wahren Leitplanken-Orgien �verkehrssicher� verbaut � kein Hauch von Respekt vor einem damit unwiederbringlich zerst�rtem Naturdenkmal. Freie Fahrt dem freien B�rger � das erscheint als Moral des Stra�enbaus. Entsprechend ist es um die Fahr-kultur der meisten S�dtiroler bestellt: Raserei und �berholmanie ersetzen den ge-nussvollen Blick auf die noch sch�nen Landstriche. Stra�enbau scheint zudem be-sonderen politischen Gesetzen zu gehorchen. Mit nichts kann sich ein Politiker bes-ser profilieren als mit dem Zerschneiden des roten Bandes, was weitere befahrbare Kilometer er�ffnet. Der Dank des B�rgers an der Wahlurne ist ihm gewiss.
Im 19. Jahrhundert hatten sich die Ingenieure � meist Milit�rs � beim Bau etwa der Stilfserjochstra�e sorgf�ltig um die einfachste und der Natur am besten angepasste Trassenf�hrung bem�ht. Und tats�chlich f�gen sich diese und andere Passstra�en aus fr�herer Zeit geradezu harmonisch in die Hochgebirgslandschaft ein. Heute da-gegen werden aus der kleinsten Dorfzufahrt gewaltige Einschnitte in die empfindliche S�dtiroler Landschaft. Kr�mmungsradien, Fahrbahnneigungen, Geschwindigkeiten und �berbreiten scheinen den Stra�enbau mehr zu bestimmen als Respekt vor der Kulturlandschaft mit ihren Trockenmauern, Weiden und in die H�nge sanft eingef�g-ten alten H�fe. Die Neubauten stehen heute allerdings auf �hnlichen Sockeln wie die Stra�en. Ganz zu schweigen von den Br�cken, deren Gestaltung anscheinend nur auf einer ausreichenden Statik in Betonfertigteilen beruht. Ber�hmte Br�ckenbauer mit ihren hocheleganten und leichten Konstruktionen wie J�rg Schlaich, Santiago Calatrava oder Richard J. Dietrich sind f�r S�dtiroler Ingenieure offensichtlich keine Vorbilder.
Nun scheint sich aber im Assessorat f�r Bauen der Landesregierung Nachdenklich-keit breit zu machen. Landesrat Dr. Florian Mussner hat die immer lauter werdende Kritik an den Strassenbaubrutalit�ten nicht �berh�rt und seit Architekt Dr. Josef March neben dem Hochbauressort auch die Abteilung Tiefbau als Direktor �ber-nommen hat, wird ganz offensichtlich umgedacht. Strassen- und Br�ckenbauten sol-len von Ingenieuren und Architekten gemeinsam mit Landschaftsplanern �bernom-men werden. Landschaftsschutz und Gestaltung m�ssen gleichwertig neben Ver-kehrssicherheit treten. Monsterbauten wie die genannte M�hlbacher Unterfahrung sollen soweit wie m�glich kaschiert werden. Neubauten werden nur noch durchge-f�hrt, wenn Umbau oder Erweiterung wirklich nicht ausreichen. Am Mendelpass be-m�ht man sich um eine �sthetisch angemessene Verbesserung der schmalen histo-rischen Fahrbahn von 1882 durch den fast senkrecht abfallenden Fels. Die Stilfser-jochstra�e erf�hrt Verbesserungen unter der Mitwirkung eines weltbekannten Archi-tekten, Kjetil Thorsen vom Osloer B�ro Snoehetta. Seminare zur Gestaltung von Stra�enbauwerken werden abgehalten und f�r Neubauten von Br�cken werden Wettbewerbe mit Architekten und Ingenieuren durchgef�hrt. Wir sind gespannt und w�nschen der Leitung des Ressort eine gl�ckliche Hand im Sinne unserer Kultur-landschaft � denn alles ist Architektur, nicht nur Hochbauten.

Andreas Gottlieb Hempel
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Andreas Gottlieb Hempel
Prof. Dipl.-Ing. Architekt & Publizist
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