Regionalismus in der Baukultur
In der globalisierten Architekturszene scheinen sich weltweit gleiche Moden immer kurzfristiger abzul�sen. Eine Handvoll Jet-Set-Architekten geben den Ton an, lokale Architekten eifern meist weniger gekonnt nach. Die Sehnsucht nach ortstypischer und eigenst�ndiger Baukultur w�chst. Gibt es einen neuen Regionalismus?
In den vergangenen Jahrhunderten war das Bauen eine regionale Angelegenheit. Die Bauformen der Alltagsarchitektur entwickelten sich aus den Lebensbedingungen der Menschen in den einzelnen Regionen. Das Klima, die Arbeitsweisen und das verf�gbare Baumaterial und gesellschaftliche Konventionen bestimmten Ortsbilder und Hausformen. Nur besondere Bauten wie etwa Kirchen und Schl�sser �bernahmen die gerade g�ngigen Stile. F�r sie wurden ber�hmte Baumeister ins Land gerufen. Ihr Glanz strahlte auch auf die Bauten der B�rger ab, die gelegentlich dekorative Elemente der gerade herrschenden Stilformen �bernahmen um Wohlstand und Geschmack zu beweisen. Die Grundstruktur der regionalen Baukunst blieb davon aber unber�hrt und folgte den jeweils bew�hrten Bauweisen einer Region. Der �rtliche Baumeister f�hrte dort seine Bauten meist ohne Plan nach den sich wiederholenden Arbeits- und Wohnbed�rfnissen der Menschen auf und musste mit den vor Ort verf�gbaren wenigen Materialien auskommen. Aus ihnen bestimmten sich die Spannweiten und damit die Gr��e der R�ume, die Tragf�higkeit und damit die Bauh�he. Die in ihren Grundformen �hnlichen Bauten wiesen im Einzelnen bew�hrte Details mit m�glichst langer, wettergesch�tzter Dauerhaftigkeit auf, Details, die sich in der Herstellung, Nutzung und Minimierung des Materialbedarfs schon �ber Generationen bew�hrt hatten und ebenfalls Generationen haltbar waren. Diese H�user addierten sich zu ebenfalls einheitlich erscheinenden Ortsbildern.
Mit der Industrialisierung und den besseren Transportm�glichkeiten f�r Baumaterialien, der Ver�nderung des Bauhandwerks bis hin zur Vorfertigung ganzer Bauteile und ge�nderten Lebens- und Arbeitsweisen wurden ganz andere Bauformen m�glich und erforderlich. Die unterschiedlichsten Materialen konnten herbeigeschafft und �berall eingesetzt werden. Ungeschriebene aber traditionelle �bereink�nfte, wie man in seiner Nachbarschaft zu bauen habe wurden durch abstrakte Baugesetze ersetzt, die formal so ziemlich alles m�glich machten. Durch die architektonische Moderne der 1920er Jahre entstand die sog. �Internationale Architektur�, deren Formalismus sich weltweit verbreitete und zur heutigen Gleichf�rmigkeit der gebauten Umwelt beitrug. Gleichzeitig entstand durch das Nebeneinander unterschiedlicher Funktionen, Materialien und Ma�st�be ein gestalterisches Chaos, das ebenso wenig wie die Gleichf�rmigkeit etwas mit regionaler Baukultur zu tun hatte � vielmehr f�hrte die gedankenlose �bernahme von Formen �rtlicher Bautradition oft zu j�mmerlichen Dekorationen und zur Entwertung originaler Substanz � was in S�dtirol etwa an manchem Hotelbau zu beobachten ist.
Kann es nach dieser Entwicklung wieder eine regionale Architektur geben, der man ansieht, dass sie nur an ihren Ort, nur in ihre Region geh�rt? Das ist m�glich ist und wird an guten Beispielen auch in S�dtirol gezeigt. Es sind meist Bauten, die ma�st�blich und strukturell aus ihrem �rtlichen Zusammenhang entwickelt wurden. Es sind oft Umnutzungen und Erweiterungen schon bestehender Bauten � und davon gibt es in unserer Region sehr gute Beispiele, man denke etwa an das S�dtiroler Landesmuseum im Schloss Tirol, das Messner Mountain Museum auf Sigmundskron oder die Europ�ische Akademie in Bozen. Es sind aber auch Neubauten wie die Kirchenerweiterung in Leifers, die Ortsmitten in Albeins oder Plaus, die Friedhofsanlage in Luttach, der Goldschmiedladen in Schenna, das Rathaus in Bruneck, die Residence Pergola in Algund oder das Vigilius Mountain Resort und viele andere, die eine neue regionale Baukultur begr�nden. Bauten, die den genius loci aufgreifen und Identit�t vermitteln. Leider sind sie in der Minderheit neben allzu vielen gesichtslosen Neubauten, welche die Region zersiedeln.
Andreas Gottlieb Hempel
(4.090 Zeichen m. Zw.)
|