Mittwoch, 21.01.2009 | Scalini

Lieber Herr Schwazer,

f�r ihren sehr sch�nen und nachdenklichen Text "Die Kunst des Aufh�rens" m�chte ich mich sehr bedanken - Kompliment!
Erlauben Sie mir erg�nzend dazu ein anmerkendes Statement:

In Zusammenarbeit mit dem Kuratorium f�r technische Kulturg�ter habe ich 2003/4 das einmalige Ensemble der alten Bahnh�fe entlang der Brennerbahn untersucht und damit beigetragen, dass ein Teil dieser Bahnh�fe unter Denkmalschutz gestellt wurden. W�hrend dieser Arbeiten ist mir Dank der Hinweise der unvergessenen Journalistin Elisabeth Baumgartner aufgefallen, dass der Brenner-Ort ein wahre Architektursammlung ist. Von der Kirche St. Valentin aus dem 15.Jht., dem historischen Gasthof Post, der Jugendstilkapelle Maria zum guten Rat, den Bahnhofsbauten von 1867 durch Wilhelm von Flattich, den exzellenten Bauten f�r den Bahnhof, das Stellwerk und die Eisenbahnerwohnh�user Angiolo Mazzonis im besten Stil des italienischen "razionalismo" mit dem Bahnhofsperron auf dem sich Hitler und Mussolini dreimal trafen, den augezeichneten Grenzbauten der Italiener aus der Zwischenkriegszeit im Vergleich mit den dumpf-heimatt�melnden Bauten der �sterreichichen Grenzer, der Kirche von Architekt Luis Plattner "Maria am Wege" (1961) und bis zu dem immer noch bemerkenswerten Autobahn-Grenzzollamt von H�rmann+Parson besteht ein einmaliges Bauensemble von europ�ischem Rang auf der emotional so belasteten Brennergrenze. Ein Ensemble, dessen Wert erlebbar bleiben sollte.

Aus diesem Grunde habe ich im Wintersemester 2004 meinen Stuttgarter Studenten die Aufgabe gestellt f�r den Brenner einen europ�ischen "Kulturort" zu entwerfen - in Anlehnung an den heute verschwundenen europ�ischen "Kurort" der k.k. Zeit Brennerbad mit seinem Grand Hotel. Die Studenten haben den Brenner besucht und unterschiedliche Vortr�ge zum Brenner geh�rt, u.a. von Peter Kaser, der die Studenten mit seiner k�nstlerischen Einstellung und den "scalini 84 stufen" zutiefst beeindruckt hat. Die Studenten entwickelten beachtliche Projekte vom Stausee auf der Wasserscheide �ber die R�ckkehr der unber�hrten Gebirgslandschaft bis hin zu einem Konferenzzentrum f�r europ�ische Tagungen und einem Museum zur Bew�ltigung des (bisher nur verdr�ngten) italienischen Faschismus. Eine Reihe ganz anderer Alternativen f�r diesen magischen Ort. Die EURAC veranstaltete im Fr�hjahr 2005 mit diesen Arbeiten eine vielbeachtete Ausstellung.

Leider befindet sich der Brenner mit der Errichtung eines "outlet-centers" - wie diese Buden des Billigen Jakob heute auf anglo-rotwelsch genannt werden - wieder auf dem geistigen N�hrboden eines heutigen S�dtirols, welches die baukulturellen und geschichtlichen Werte �berall zu verdr�ngen scheint. Koofmich statt Kultur - Ausverkauf statt Erhalt- Saldi und Soldi - Zerfahren statt Erfahren usw. Ein Trauerspiel, auch f�r die 84 Stufen, die einen Aufstieg symbolisierten der nun ein Abstieg in die globale outlet world geworden ist. Nur konsequent der Abschied von der Kultur eines Neubeginn. Dank an Peter Kaser und Hans Winkler. Und an Sie, lieber Herr Schwazer, f�r den w�rdigen Schwanengesang.

Andreas Gottlieb Hempel
Prof. Dipl.- Ing. Architekt & Publizist
Otto von Guggenbergstr. 46
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