Kritisch wird es immer beim Bauen, wenn der Ma�stab gewechselt wird, wenn allzu gegens�tzliche Geb�ude nebeneinander entstehen, wenn Harmonie gest�rt wird. Wir kennen das etwa aus Gewerbegebieten. Ma�stabsspr�nge k�nnen aber auch ganze Landschaften zerst�ren, nicht nur durch die Gestaltung sondern auch durch die Nut-zung. Das soll hier an einem typischen Beispiel erl�utert werden.
Das Eisacktal wird bei Brixen von einer besonderen Mittelgebirgslandschaft begleitet. Auf der westlichen Talseite hat man Menhire gefunden und arch�ologische Grabungen bei Feldthurns bezeugen hier pr�historische Besiedlung. Aber auch auf der Ostseite, von der nun weiter die Rede sein soll, fanden sich in Gr�berfeldern der Laugen-Melaun Kultur Keramikformen der beginnenden Eisenzeit. Auf den endeiszeitlichen H�gelkuppen vermutet man fr�he heidnische Opferpl�tze, die nach der Christianisierung mit Kapellen und Kirchen bebaut wurden, die noch heute mit ihren gotischen Fresken ein einzigartiges kunsthistorisches Ensemble darstellen (St. Johannes d.T. in Karnol, St. Leonhard, St. Johannes Ev. in Mellaun, St. Nikolaus in Klerant und die Pfarrkirche St. Andreas mit der barocken Wallfahrtskapelle Mariahilf in St. Andr�). Zusammen mit den d�rflichen Streusiedlungen von St. Leonhard bis Klerant inmitten von Wiesen, Feldern und Streuobstg�rten bildet dieser Mittelgebirgszug noch eine fast heile Kulturlandschaft von hoher historischer und �sthetischer Bedeutung. Im Zuge der allm�hlichen Umwandlung vom Bauerndorf in einen Schlafvorort von Brixen hat nur St. Andr� eine architektonisch weniger erfreuliche Erweiterung nach Norden erfahren. Aber auch diese famili�ren Wohnbauten f�gen sich einigerma�en ma�st�blich und funktionell in das sch�ne Umfeld ein. Das zieht auch viele G�ste mit Sinn f�r diese typisch s�dtirolerisch-heitere Landschaft an. Dabei hat sich eine besondere, kleinteilige, gastronomische Ferienkultur entwi-ckelt: Neben einem halben Dutzend kleiner familiengef�hrter Hotels bieten viele der Bauern Ferienwohnungen an, die von vielen Stammg�sten mit ihren Familien gesch�tzt werden. Die heute so verbreiteten Wellnessanlagen gibt es fast nicht � hier ist die herrliche Mittelgebirgslandschaft mit den tiefen W�ldern und einsamen Wanderwegen immer noch Wellness genug.
Nun bahnt sich leider ein Umschwung an, der als funktioneller Ma�stabssprung das Ende der Idylle einleiten k�nnte. Hoteliers aus dem bereits gen�gend zersiedel-tem Gr�dnertal haben ihr gesch�ftliches Interesse am Bau eines F�nf-Sterne-Hotels mit 200-250 Betten auf einer der sch�nsten einsamen Rodungsfl�chen, der Kojawiese, oberhalb von Mellaun angemeldet. Nach anf�nglichem Widerstreben sind auch die b�uerlichen Besitzer des Gel�ndes dem verlockenden Kaufpreis erlegen und die Gemeinde hat in der Hoffnung, den Seilbahnbetrieb der Plose zu stabilisieren hier eine Hotelbauzone von rund vier Hektar ausgewiesen. Nur noch der Naturschutz und die Forstbeh�rde m�ssen zustimmen, denn f�r den Hotelbau muss ein Teil des Waldes u.a. f�r eine Zufahrtsstra�e fallen und der Wassermangel bereitet Sorgen. Dennoch, der Bau ist trotz reichlicher Proteste wohl nicht mehr auf-zuhalten. Wo liegt nun der Ma�stabssprung?
Zun�chst in der Baumasse, die einen Fremdk�rper in der lieblichen Kultur-landschaft mit ihrem bisher eigenen kleinteiligen Ma�stab bildet und auch von der westlichen Talseite weithin sichtbar sein wird. Dann im gastronomischen Konzept des F�nf-Sterne-Hotels mit allen denkbaren Wellness-Beigaben. Ein v�llig anderes Publikum als bisher wird damit angesprochen: wohlhabende Menschen, die Ferien auf einer exklusiven �Insel� machen und m�glichst ungest�rt bleiben wollen und denen es im Grunde gleichg�ltig ist, wo sie sich befinden � Hauptsache der versprochene Komfort vom Gourmetmenu bis zur Ayurvedabehandlung stimmt. Diese �Insel� wird kaum jemand verlassen um etwa in der Seilbahn mit dem gemeinen Volk zu fahren oder im Hofschank zu t�rggeln. Man hat ja schlie�lich � Pension. Dieses finanzkr�ftige Publikum ist �Locations� wie Gstaad, St. Moritz, Zermatt oder die Karibik gewohnt. Warum sollte es ausgerechnet in die so harmlos wirkende (aber gerade deshalb f�r andere so anziehende) Mittelgebirgslandschaft unter der Plose kommen? Die gesch�ftst�chtigen Hoteliers wird es nicht st�ren wenn der Laden nicht l�uft. Dann kann man ja wie andernorts auch das Hotel in �Residences� umwandeln und diese als Ferienwohnungen verkaufen.
Den Schaden wird dann nicht nur die verbaute Landschaft haben, sondern auch die bisherigen Betreiber vom Urlaub auf dem Bauernhof: schon wollen viele Stammg�ste nicht mehr kommen, wenn das Schicki-Micki-Hotel entsteht. Noch glauben die biederen Bauern an das Versprechen der Hoteliers, man werde ihnen die frischen Eier abkaufen (die kommen vom Gesundheitsamt kontrolliert weiterhin von �Gastrofresh�). Noch glauben die Nachbarn an die Zusage der Hoteliers, die bestehende schmale Stra�e sei v�llig ausreichend, man werde einen Shuttledienst zur Seilbahn einrichten � aber welcher Gast besteigt ein Shuttle, wenn er seinen Cayenne am Parkplatz vorf�hren kann? Noch hat niemand dar�ber nachgedacht, dass f�r etwa 150 Hotelmitarbeiter, die wohl aus den Ostl�ndern kommen werden, Wohnungen, Kindergartenpl�tze u.a. entstehen m�ssen Alles Ma�stabsspr�nge, die bis zur Ausl�nderfeindlichkeit gehen werden.
Warum kommentieren wir das so detailliert?
Weil dies kein Einzelfall in S�dtirol ist und man sich rechtzeitig darauf besinnen sollte, dass unsere G�ste nicht wegen ausgebauter Stra�en, Tunnels und unpers�nlich gemanagter F�nf-Sterne-Hotels, nach S�dtirol kommen sondern wegen einer einmaligen Landschaft, charakteristischer Gasth�fe und liebenswerter pers�nlicher Gastgeber, die auf diese Weise immer weniger werden.
Andreas Gottlieb Hempel
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