Dienstag, 17.02.2009 | Von der Seele einer Stadt

Dolomiten Baukultur April 2008

Von der Seele einer Stadt

Brixen hat die am besten besuchte Stadtbibliothek der Region. Etwa 500 Leseratten besuchen t�glich das Geb�ude am Domplatz. Sie dr�ngen sich in einem seit 25 Jah-ren bestehenden Provisorium auf engstem Raum. Eine Erweiterung ist geplant. Aber wo?

Der gro�e Erfolg der Brixner Stadtbibliothek ist auf einem Blick zu erkennen: sie liegt am Domplatz. Sicher sind die Brixner nicht lesehungriger als andere, die beengten R�umlichkeiten schrecken eher ab, Parkpl�tze findet man hier nicht � aber: die Stadtbibliothek liegt an der bedeutendsten Stelle der Stadt. Also dort wo man ihre Seele erfasst. Oder besser: wo man von der Seele dieser besonderen Altstadt er-fasst wird, sie sp�rt und begreift. Wer Brixen besucht, ob Einheimischer oder Gast, der wird immer auf den Domplatz gehen. Er ist nicht nur einer der sch�nsten Pl�tze S�dtirols, er ist vielleicht sogar der sch�nste Stadtraum des Landes �berhaupt. Auf dem Domplatz erschlie�t sich die Verschr�nkung der beiden Seelen Brixens: die geistliche Stadt mit Dom, Pfarrkirche und benachbarter Hofburg sowie - gleichsam diagonal zugeordnet - die B�rgerstadt mit dem Rathaus, der Stadtbibliothek und stattlichen H�usern, durch die man die gro�en Lauben erreicht. Es ist ein magischer Stadtraum, von �ber tausendj�hriger Geschichte getr�nkt und mit einer urbanen At-mosph�re, der sich niemand entziehen kann. Ausblicke auf die umliegenden Berge steigern noch die Faszination durch r�umliche Durchdringung von Stadt und Umland. Man kommt nicht nur mit einem Ziel hierher. Man verweilt. Eine Kerze im Dom ent-z�nden, espresso in einem der vier Caf�s schl�rfen, beim prosecco schwatzen, im Rathaus etwas erledigen, unter den Lauben einkaufen, in die Stadtbibliothek gehen, ein Buch ausleihen und schon mal die ersten Seiten auf den B�nke im Schatten der B�ume lesen w�hrend die Kinder gefahrlos auf dem weiten Domplatz fangen spielen oder am Brunnen pl�tschern. Hier erg�nzen sich die Nutzungen mit den Bed�rfnis-sen der B�rger. Die f�nfhundert t�glichen Bibliotheksbesucher kommen nicht nur wegen der B�cher sondern wegen mehr � der Seele einer Stadt.
Dass diese Stadtbibliothek auf fast skandal�se Weise schlecht, beengt und innen r�umlich geradezu unw�rdig untergebracht ist, steht auf einem anderen Blatt. Die Besucher kommen trotzdem, denn sie wollen an diesem Ort, an dem die urbanen Kraftstr�me zusammenflie�en, auch in der Seele der Stadt lesen, sich auch als ein Teil dieser Seele empfinden. Es steht auf einem anderen Blatt, dass Leitung und Mitarbeiter dieses Provisoriums einer Stadtbibliothek von einem durch und durch funktionellen Neubau tr�umen. Aber sie scheinen nur sich und ihre Funktionsberei-che zu sehen, denn sie h�tten diesen Neubau gern am Rande der Altstadt. Auf ei-nem Unort. Auf der R�ckseite des Hallenbades �Aquarena�, mit beachball-Pl�tzen vor der Nase, neben der geplanten Kletterhalle und am gr��ten Parkplatz der Stadt, der in den n�chsten Jahren noch mit einer Tiefgarage auf 800 Stellpl�tze erweitert werden soll. Es handelt sich um eine seelenlose Fl�che, l�rmig an der Brennerstra�e gelegen, Tankstelle, Polizeistation und Superm�rkte in Sichtweite. Ein Platz, der kein Kraftzentrum ist sondern der mit Krach und H�sslichkeit Kr�fte raubt und nervt. Mag sein, dass hier eine in sich funktionelle moderne Stadtbibliothek errichtet werden kann. Eine Seele wird sie aber nie haben. Ein Caf� gibt es weit und breit nicht, auch keine B�ume in deren Schatten man schon mal zu lesen beginnt und verweilt w�h-rend die Kinder gefahrlos spielen k�nnen. Es wird eine drive-in Bibliothek werden, rein, ausleihen, raus, blo� rasch wieder weg � wir ahnen schon, welch klinisch saub-re Stimmung in der modernen Architektur herrschen wird. Die Seele der Stadt wird am Domplatz zur�ckbleiben. Und ein weiteres Haus wird dort neben den bereits ver-lassenen Geb�uden leer stehen. Die Seele der Stadt verblasst je mehr sie ausge-r�umt wird. Die L�den unter den Lauben werden weitere Kunden verlieren, mindes-tens t�glich die f�nfhundert Besucher der Stadtbibliothek, vielleicht sogar mehr, n�m-lich die Begleitpersonen. Weniger G�ste kommen in die Caf�s und weniger Kinder spielen auf dem Domplatz. Auf den B�nken werden Pl�tze frei. Auch nach den Ker-zen und F�rbitten im Dom und der Pfarrkirche wird sich die Seele der Stadt sehnen.

Man k�nne eine moderne Stadtbibliothek nur in einem Neubau unterbringen, be-haupten die Bibliothekare, die nur an ihre Funktionen denken und dabei die Seele ihres Hauses vergessen. Die bek�men sie aber am Domplatz gratis dazu, in jedem der drei dort leerstehenden H�usern, der jetzigen Bibliothek mit ausreichender Erwei-terungsm�glichkeit in den derzeit tr�bseligen Hinterhof, der dadurch aufgewertet w�rde, dem ehemaligen Finanzergeb�ude mit einem sch�nen Garten als Zugabe oder im alten Gerichtsgeb�ude mit Innenhof. Alle sind Baudenkm�ler mit geschichts-tr�chtigen R�umen, in denen man auch B�cherregale aufstellen kann. Wie man das gut macht, zeigen uns viele europ�ische B�chereien, die in solchen seelenvollen al-ten Bauten untergebracht wurden und gerade deshalb gerne besucht werden. Man muss nur wollen, gerade in Zeiten, wo es �konomischer und �kologischer ist, alte Bauten mit neuem Leben zu f�llen als schon wieder freie Fl�chen seelenlos zu verbauen. Es ist der Brixner Gemeinderat, der nun eine Entscheidung f�llen muss.

Andreas Gottlieb Hempel

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Andreas Gottlieb Hempel
Prof. Dipl.-Ing. Architekt & Publizist
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