sel in der W�ste
Gibt es in Italien so etwas wie Stadtplanung? M�glicherweise auf Papier, Pl�nen und in vieldiskutierten Absichten. In der Wirklichkeit beherrscht ein Chaos aus politischer und wirtschaftlicher Verfilzung, die langfristige st�dtebauliche Planung wohl als �rgerliches Hindernis f�r das schnelle Geld betrachten, das mit Immobilien gemacht werden kann. Dass die Lebensqualit�t in ehemals sch�nen Landschaften dabei auf der Strecke bleibt scheint niemanden zu interessieren. Kaum h�rt oder liest man etwas davon, dass sich jemand dar�ber aufregt. Schulterzucken � bella Italia, wir haben noch genug davon.
Wenn man aber von etwas genug hat, dann von der Zerst�rung Norditaliens entlang der Autobahnen und im Umkreis der sch�nen alten St�dte um deren historische Stadtkerne sich die Denkmalpflege bem�ht w�hrend die Landschaft drum herum wohl keine F�rsprecher hat. Die Gegend um Padua war vor nicht allzu langer Zeit noch landwirtschaftlich gepr�gt. Einsame Geh�fte in endlosen Feldern oder Weing�rten vor schattenhaften Baumkulissen, Zedern und andere alte Baumriesen deuteten auf Parks mit darin versteckten herrschaftlicher Villen hin � vorbei, verw�stet von den wuchernden Gewerbegebieten einer neuen Wirtschaftsweise. Padua, einer der urbanen H�hepunkte fr�herer Stadtbaukunst, ist inzwischen auch von einem krebsartig wuchernden Speckg�rtel umgeben.
Schon von der Autobahn ist der charakteristisch verdrehte, 80 m hohe Turm des NET Centers von Aurelio Galfetti als Fixpunkt in einer unstrukturierten Zersiedelung auszumachen. �ber die Ausfahrt Padova Est ger�t man in eine verkehrsdurchfurchte Gewerbesteppe, ein st�dtebauliches Wildschweingebiet. Die sechspurige Autoflut in Richtung Innenstadt sp�lt den Besucher direkt vor den gesuchten Bau, der sich als eine geschlossene Baugruppe darstellt, als Oase in der umgebenden W�ste. Tats�chlich zeigt sich hier die einzige weit und breit wahrzunehmende Bem�hung um ein kleines geordnetes Quartier mit au�ergew�hnlicher Architektur. Sie hebt sich nicht nur dadurch von der Umgebung ab sondern auch geradezu symbolisch durch eine um anderthalb Meter angehobene Plattform �ber der darunter angeordneten Tiefgarage.
Auf diesem, mit gro�en Schieferplatten belegten rechteckigen Sockel im Ausma� von 1,5 ha gruppieren sich zwei f�nfgeschossige Bauzeilen und ein langgestreckter eingeschossiger Pavillon um den 20-geschossigen, schwungvoll verdreht erscheinenden Turm, der ganz eindeutig der architektonische Mittelpunkt ist. Ein Gesch�ftszentrum mit B�ros, einer Ladengalerie, einem Hotel und einem geplanten Restaurant im Pavillon.� Schon 2008 er�ffnet scheint es nicht sehr gut zu gehen, der Leerstand von L�den und B�ros ist un�bersehbar, auch im Hotel g�hnende Leere, die Piazza ebenso menschenleer wie die Einkaufsmall in der �stlichen Bauzeile. Bisher eigentlich nur ein exzellentes St�ck edler Architektur an einem Unort, zwar nah zur Messe Padua aber weitab vom Stadtzentrum � tote Hose. Ob es wohl ein Marketingkonzept vor dem Baubeginn 2001 gab?
Doch zur�ck zum Glanzst�ck der Anlage, dem Turm. Die von weiten etwas beliebig verdreht erscheinende Form beruht auf trapezf�rmigen Grundrissen, deren Schmalseite im Erdgeschoss im S�den liegt und im obersten Geschoss nach Norden gewendet ist. Die S�dfassade verbreitert sich also nach oben w�hrend sich die Nordfassade nach oben verj�ngt und die beiden anderen Seiten dadurch eine ganz regelm��ig erscheinende Verdrehung erfahren. Ein innenliegender Erschlie�ungskern dient der Aussteifung zusammen mit acht in den Seitenfassaden schr�g verlaufenden St�tzen. Kern und Decken sind aus Beton, St�tzen und Fassaden dagegen sind eine Stahlkonstruktion mit dreifacher Fassadenabstufung je Geschoss in den Seitenfassaden um so die Verdrehung aufzunehmen. Der dreifachen Abstufung je Geschoss folgen die rot lackierten horizontalen Sonnenschutzlamellen, die das eigentliche Gestaltungselement der Ost- S�d- und Westfassaden ist, die Nordfassade geht dagegen etwas langweiliger leer aus.
Der Sonnenschutz scheint f�r die gesamte Baugruppe ein Hauptthema zu sein. Die beiden flankierenden Bauzeilen haben im Gegensatz zum Turm geschosshohe senkrechte Sonnenschutzelemente aus gelochten Aluminiumelementen, die je nach Sonnenstand elektronisch gesteuert werden. Sie �berspielen die dahinterliegenden geschosshohen Glasfassaden, die mit der Helligkeit und Transparenz der von oben belichteten Ladenpassage �berzeugen � erg�nzt durch die elegante Konstruktion des geb�udehohen structural glazing an den Schmalseiten. Dieser Bau wurde f�r seinen intelligenten Einsatz von Stahl, die klare Formensprache und seine Transparenz von der Jury des ECCS Steel Design Award 2007 ausgezeichnet.
Den eigentlichen gestalterischen Schwung in das an sich eher trocken-rechtwinklige Layout der silbergrau und schwarz gehaltenen Gesamtanlage bringt die Drehung des �roten� Turms � eine ganz besondere, �ber das Quartier hinauswirkende Dynamik entsteht, die schon von weitem einen zentrierenden Anziehungspunkt in der st�dtebaulichen �dnis der Umgebung bildet. Ein �Topos� ist entstanden.
Andreas Gottlieb Hempel
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Bauherr: NET-Center Padova Immobiliare
Architekten: Aurelio Galfetti, Carola Barchi, Luciano Sciavon
Statik: Alessandro Arvalli, Eros Furlan, Marco Pizzeghello
Innenarchitektur Hotel: Marco Piva, Franzina + Partners
Bauunternehmen: Edilbasso
Stahlbau: Pichler
Daten:
32.000 m� Grundfl�che
40.000 m� Geschossfl�che �ber Gel�nde
38.000 m� Geschossfl�che unter Gel�nde
Planungs- u. Bauzeit: 2001-2008