Francisci oppidum
Ein feste Burg � nie genutzt.
�
Die Franzensfeste.
Zum Beginn ein Gedicht von Christine Math�.
�
Bizarre Verflechtung von Schatten und Licht
in den endlosen G�ngen
F�r zeitlose M�rsche aller Schattenfiguren
�
Einst waren es Tausend und wieder Tausend
und wieder Tausend
zum Sterben bereit f�r Kaiser und Vaterland
�
Jetzt singt nur der Wind sein verwirrendes Lied
von Sinn und Vergehen
der unfassbaren Zeit.
�
S�dtirol verf�gt am Zusammentreffen von Wipptal, Eisacktal und Pustertal �ber ein wenig bekanntes Bauwerk, die Franzensfeste. 30 km s�dlich des Brennerpass gelegen, ist sie heute noch das gr��te Bauwerk Tirols, die gr��te Festung des Alpenraums. 1838 erbaut und einer der gr��ten Festungsbauten �berhaupt. Mit 20 Hektar Fl�che hat Francisci oppidum wirklich die Ausma�e und Anmutung einer kleinen Stadt. Wuchtige und funktionale Bauten aus Granit, spannende Innenr�ume in denen 20 Millionen Ziegelsteine � in unmittelbarer N�he gebrannt � verbaut wurden. Im wahrsten Sinne atemberaubende Aufstiege � der l�ngste mit 461 Stufen � und ebenso atemberaubende Ausblicke in die drei T�ler, deren Zug�nge mit den Erfahrungen der napoleonischen Kriege gesch�tzt werden sollten. Ein schon damals anachronistischer Versuch in der sich schnell wandelnden Kriegstechnik. Niemals konnte sich das gigantische Bauwerk im Krieg bew�hren. Lediglich ein Probebeschuss 1860 durch die eigene k.u.k. Artillerie zeigte danach die v�llige Unversehrtheit der meterdicken Granitmauern. Auch im an baulichen Attraktionen so reichen S�dtirol ist die Franzensfeste eine au�ergew�hnliche Besonderheit und wert, hier im vierten Kongress der Baukultur mit Backstein zum Thema �Festungsbauen� vorgestellt zu werden.
�
Soweit ein knapper Steckbrief.
�
Dieser Steckbrief w�re jedoch unvollst�ndig, wenn wir nicht auch von der Faszination sprechen w�rden, der Faszination der Aura des Unerforschten. Der riesenhafte Bau ist die letzte historische Anlage S�dtirols, einer Region mit �ber hundert Burgen, der bisher noch nicht umfassend untersucht und analysiert werden konnte. Seit ihrem Bau bestimmte das Milit�r der �sterreich-ungarischen Monarchie, ab 1918 das des faschistischen Italiens, von 1943-45 die Deutsche Wehrmacht und schlie�lich wieder das NATO-Mitgliedes Italien die Geschicke der Festung.
�
Die Franzensfeste erlebte � gl�cklicherweise, m�chte man sagen � nie ihre Feuertaufe in kriegerischen Auseinandersetzungen und wurde von der reinen Verteidigungsanlage zum Lager f�r Munition, Sprengstoff und Waffen. Ebendiese Nutzung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bis Ende 2001 verlieh ihr aus Sicherheitsgr�nden den Mythos der Unnahbarkeit. Bis zum Schluss war sie milit�risches Sperrgebiet, es war verboten sie zu fotografieren oder zu gar zu besichtigen. Alle Soldaten und Offiziere unterlagen der Schweigpflicht, keinerlei Informationen �ber die Vorg�nge innerhalb des Komplexes drangen nach au�en. Nicht einmal die Offiziere der Alpinibrigade �Tridentina�, welche die Festung und ihre Sprengstofflager verwalteten, hatten freien Zutritt sondern unterlagen einem komplexen Erkennungsprotokoll. Tats�chlich h�tten Sabotage oder ein Unfall nicht nur die Anlage sondern auch den mit ihr seit 1941 verbundenen Staudamm gef�hrdet. Ein Dammbruch h�tte dramatische Folgen f�r das Tal und die nahe Stadt Brixen gehabt.
�
Die Neugier wurde aber nicht nur durch die Aura des Verbotenen geweckt sondern auch durch Ereignisse am Ende des Zweiten Weltkrieges. 1943 lie� Mussolini die Goldreserven der Banca d�Italia � etwa 127 000 Tonnen Feingold � in die Festung bringen. Von seinem Diebstahl hatte er jedoch nicht lange etwas, denn das Gold wurde von den Nazis beschlagnahmt und teilweise in die Schweiz und nach Berlin geschafft. Beim Einmarsch der Amerikaner fanden sich noch rund 25 000 Tonnen vor, die dem italienischen Staat sp�ter zur�ckgegeben wurden. Zur nat�rlichen Faszination der Festung kamen somit noch Ger�chte �ber m�glicherweise immer noch verborgene Goldsch�tze, an denen sich sogar der argentinische Diktator Juan Peron bereichert haben soll, ehemals Mitglied der Brigade �Tridentina� und enger Freund des Gro�meisters der italienischen Geheimloge P1, Licio Gelli, der sich mehrfach in der Festung aufgehalten hatte und in dessen Privathaus bei einer Razzia Goldbarren in Geranient�pfen versteckt gefunden wurden � briganti, ladri, criminali, also Diebe, Hehler und Verbrecher unter sich!
�
Nach dem Abzug des italienischen Heeres aus S�dtirol im Rahmen des zweiten Autonomievertrages Anfang der 1990er Jahre stand die Festung leer. Aber die b�rokratischen H�rden zur �bergabe schienen un�berwindlich. Dennoch gelang am 2. Mai 2005 der Durchbruch: die Festung wurde zun�chst der Gemeinde Franzensfeste und dann dem Land S�dtirol f�r kulturelle Nutzungen �bergeben. Es folgten Aufr�umarbeiten, Dokumentationen und schlie�lich eine Monografie, auf die auch dieser Vortrag zur�ckgreift. Inzwischen haben mehrere gro�e Ausstellungen in der Franzensfeste stattgefunden. Derzeit l�uft noch bis zum 30. Oktober die gro�e S�dtiroler Landesausstellung mit dem Titel �Freiheit � Libert��, mit sehr gut gemachten Installationen zu diesem dem Zwangscharakter der Festung entgegengesetzten Thema. Konsequenterweise mit freiem Eintritt. 50 000 Besucher konnten so seit Mai diesen Jahres die einst unzug�nglichen Festung besuchen.
�
Nun zur Geschichte:
�
Die Festung wurde auf einem Felsplateau �ber der Eisackschlucht zwischen Wipptal und Eisacktal geplant, einem Platz, �ber den nach pr�historischen Funden schon in uralten Zeiten die �Bernsteinstra�e� von der Ostsee �ber den Brenner nach Italien f�hrte. Feldherr Drusus kam 15 n.C. mit seinen Truppen hier durch, zur Eroberung der keltischen Gebiete � aus dieser Zeit stammen M�nz- und Gr�berfunde beim Bau der Festungsanlage. Anlass f�r die Planung der Festung waren die umw�lzenden Ver�nderungen in Europa durch die napoleonischen Kriege. Napoleon hatte die bis dahin wenig dynamische Kriegf�hrung radikal ver�ndert. Mit m�chtigen Heeren aus zehntausenden von M�nnern, die sich mit leichtem Gep�ck und logistisch gef�hrt unterwegs pl�ndernd von allem ern�hrten was sie vorfanden, errang er gegen die mit schwerf�lligen Strategien von adeligen Offizierkorps gef�hrten traditionellen Heere seine Blitzsiege. Napoleon f�hrte nicht nur siegreiche Schlachten sondern pl�nderte und annektiere auf bisher noch nicht da gewesene Weise alles, was er vorfand. Gleichzeitig verbreitete er die Gedanken der Franz�sischen Revolution, welche die monarchistische Ordnung in Europa grunds�tzlich in Frage stellten.
�
Nach dem Sieg �ber Napoleon wurde im Wiener Kongress von November 1814 bis Juni 1815 die restaurative Neuordnung zwischen den f�nf gro�en europ�ischen M�chten, Russland, England, �sterreich, Preu�en und Frankreich getroffen � die Wiederherstellung des Absolutismus. Aber nicht nur die geografisch-politische Neuordnung war das Ziel � es ging auch um Machterhaltung, Ruhe und Ordnung im Interesse der herrschenden Schichten im Inneren. Es wurde so etwas wie ein Solidarit�tsprinzip gegen drohende Revolutionen von Innen und Au�en geschaffen. Von Metternich stammt dazu der Satz:
�
�Dieselben revolution�ren Prinzipien, welche die letzte kriminelle Macht�bernahme durch Napoleon unterst�tzt haben k�nnte Frankreich in anderer Form erneut ersch�ttern und den Frieden der anderen Staaten gef�hrden.�
�
Die neuen Grenzen und der Machterhalt� wurden zunehmend durch eine Reihe von Festungen gesichert, die nach Konzepten der �neudeutschen� bzw. �neu�sterreichischen� Schule geplant wurden - entwickelt im Umfeld der Milit�rakademien und errichtet entlang des Rheins, der Donau und in Oberitalien.
So begann man im Jahr 1830 im K�nigreich Lombardo-Veneto mit dem Bau des Festungsvierecks (Quadrilatero) Verona-Peschiera-Mantua-Legnago. Dazu kam die Idee, zwei der wichtigsten Zugangswege �sterreichs, die Brennerstra�e und das Pustertal durch eine Festung zu sichern. Diese Festung, die sp�tere Franzensfeste, sollte in nur f�nf Jahren bis 1838, fertiggestellt werden, lange noch vor den Bauwerken des Quadrilatero.
�
Den Gr�ndungsimpuls f�r den Bau der Franzensfeste lieferte der mit erst 20 Jahren zum Oberbefehlshaber der �sterreichischen Truppen ernannte Erzherzog Johann von �sterreich, Sohn des Gro�herzogs Leopold von Toskana, dem sp�teren Kaiser Leopold II. Erzherzog Johann liebte S�dtirol und kannte es wie seine Westentasche. Er heiratete eine b�rgerliche Postmeisterstochter und liegt in Schenna bei Meran begraben. Ihm war auch die Stelle im Wipptal bei Grasstein bekannt, der heutigen Sachsenklemme, wo Andreas Hofer mit einer Handvoll Tiroler Landesverteidiger 1809 die �berm�chtige Allianz franz�sisch-s�chsischer Truppen unter General Lefebvre vernichtend schlug. An dieser Stelle, an der verschiedene Einf�lle franz�sischer Truppen stattgefunden hatten, sollte nach den Vorstellungen des Erzherzogs die neue Festung entstehen. Der Auftrag zur Planung erging an Franz von Scholl, Befehlshaber der �sterreichischen Truppen in Verona und ein vortrefflicher Festungsplaner.
�
Nach genauer Recogniszierung der benachbarten Bergp�sse durch Oberstleutnant Karl von Martony, als Ingenieur des Geniekorps ein Vertreter der �neu�sterreichischen Schule� und Bauleiter der Gesamtma�nahme sollte die Festung nach den neuesten Erkenntnissen an der Brennerstra�e gebaut werden. Diese war der einzig ganzj�hrig gangbare Weg f�r Truppenbewegungen. Vorbilder waren die Festungen in Ulm und Mainz, die ebenfalls den klassizistischen Baustil den Prinzipien des Barock und Rokoko vorzogen. Linear und einfach gestaltete Bauwerke mit m�chtigen Verteidigungsbollwerken, die solide R�ckzugsr�ume (Reduits) f�r logistische Zwecke und den Kern des Bauwerks enthielten. Die Gefechtsr�ume zum Schutz der Soldaten an den Kanonen und Gewehren mussten zudem �bombensicher� sein und auch eine offensive Verteidigung erm�glichen. Die Franzensfeste stellt bis ins Detail ein gl�nzendes Beispiel all dieser Anforderungen dar. Sogar die nachtr�glich errichtete Kapelle am Waffenplatz der unteren Festung des Talwerks wurde im neugotischen Stil als bombenfester Bunker ausgef�hrt.
�
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts geh�rte das Gebiet der Franzensfeste zur n�rdlich gelegenen Gemeinde Mittewald, der heutige Ort Franzensfeste entstand erst durch den Festungsbau. Das enge schattige Tal war nur mit ein paar H�fen d�nn besiedelt. Auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde befanden sich die kleinen D�rfer Oberau und Unterau, das 1939-41 in den Fluten des Stausees verschwand. Die Granitbank, auf der die Festung gebaut wurde, zwang den Fluss Eisack zu einer ausholenden Windung. Er hat sich dort fast 80 Meter tief darunter eingegraben. Die Brennerstra�e gabelte sich hier Richtung Pustertal und Brixen. Die f�r die Festung ausgew�hlte Stelle erm�glichte also die Kontrolle beider wichtigen Wegstrecken. Die zum Bau ben�tigten Materialien waren ebenfalls vorhanden: Granit aus den benachbarten Steinbr�chen bei Grasstein, der sich aber als zu weich f�r die Au�enbefestigungen erwies und deshalb durch Lieferungen aus den Br�chen im weiter entfernten Pfunderer Tal erg�nzt wurde, das Riggertal zu F��en des Granitvorsprungs lieferte den Ton und die W�lder rundum das Brennmaterial f�r die Ziegel, der Eisack das Wasser, die M�hlen und �fen in Meransen den Kalk, der ebenfalls dort vorkam.
�
1832 wurde beauftragte Erzherzog Johann den General Franz von Scholl mit der Planung der Festung entsprechend zu den Bauten des �Quadrilatero�. Scholls Entwurf sah drei Ebenen vor. Sie waren als drei unabh�ngige Einheiten vorgesehen: das Talwerk, der erh�hte Mittelbau und die obere �Akropolis� nach antikem Vorbild als der letzte Teil f�r einen m�glichen R�ckzug, der gleichzeitig die Talebene kontrollierte. F�r die Anlage war eine Best�ckung mit 77 schweren Gesch�tzen vorgesehen. Die Festung wurde in Rekordzeit gebaut: Von der Einweihung durch den neuen Kaiser Ferdinand, einen Bruder des Erzherzog Johann, bis zur Einweihung durch seinen Nachfolger Franz I. vergingen nur f�nf Jahre. Die Festung h�tte auch in drei Jahren stehen k�nnen, wenn nicht Finanzierungsprobleme eine Verz�gerung verursacht h�tten.
�
Die Auswirkungen der Bauzeit auf das nur sp�rlich besiedelte Tal waren enorm. Die 4500 Arbeiter �bertrafen an Zahl die Bev�lkerung der benachbarten Stadt Brixen, der damals schon drittgr��ten Stadt S�dtirols um 1000 Personen. Alle diese Menschen wollten versorgt sein und zogen noch eine zus�tzliche Schar an: H�ndler, Handwerker, Prostituierte und viele andere bev�lkerten die Gro�baustelle auf der es 1721 spezialisierte Arbeiter von Sprengstoffexperten bis zu Steinmetzen aus Genua gab, die das damals sehr kostspielige Material Granit zu behauen wussten. In k�rzester Zeit entstand eine kleine Stadt aus Holzbaracken mit Kanalisierung und Wasserversorgung �ber Holzrinnen, W�schereien, Gasth�usern, Gesch�ften, �ffentlichen B�dern und Gemeinschaftsk�chen f�r 72 000 Gulden, was etwa 500 000 Euro entspricht, Besonders schwierig erwies sich die Verwaltung und Koordination einer derartigen Menge von Arbeitern aus� unterschiedlichsten Regionen, Sprachen und Nationen � es war ein wahres Mosaik der Habsburger Monarchie, die ja in gewisser Weise die EU des 19. Jahrhunderts war. Je 200 Personen unterstanden einem Offizier, die ihren Vorgesetzten t�glich berichteten nach dem System der Pyramide, an dessen Spitze Karl von Martony mit seinen engsten Mitarbeitern stand. Zahlreiche Unf�lle und Erkrankungen und eine Choleraepidemie 1832 forderten vieleTodesopfer, die in einem Massengrab bei Brixen beigesetzt wurden. Die hygienischen Verh�ltnisse waren teilweise katastrophal, in Brixen wurde deshalb eine �Festungsapotheke� eingerichtet.
�
Die entstehende Anlage wurde weder ein Schloss noch eine Kaserne sondern ein komplexes Verteidigungssystem ohne Schn�rkel, die als Polygonalsystem der Schule Montalemberts aus dem 18. Jahrhundert folgte. Sie gliederte sich in dreizehn autonome Verteidigungsbl�cke und erscheint auf den ersten Blick sehr komplex und wenig einheitlich � eben um feindliche Angreifer zu verwirren. Selbst bei einer Einnahme von Teilen der Anlage blieb das Widerstandspotenzial hoch. Angreifer, die das Talwerk und die mittlere Festung erobert h�tten, w�ren durch die obere Festung unter Beschuss geraten � diese ist von dort nur �ber einen Tunnel mit 451 Stufen �ber 75 H�henmeter mit der unteren Festung verbunden. Beide Festungsteile haben monumentale Eing�nge mit 18 Tonnen schweren Granitquadern und jeweils einen weiteren Vorhof. Die Schie�scharten haben die Besonderheit verschiedener Schusswinkel deren Gesamtheit einen Schussradius vom Inneren des Geb�udes aus von 360 Grad.
�
Die untere, mittlere und obere Festung wurden also so geplant, dass sie unabh�ngig voneinander bestehen konnten obwohl sie eng miteinander verbunden sind. Es f�llt auf, dass diese drei Bereiche wiederum in kleinere Einheiten aufgeteilt sind mit der M�glichkeit des raschen �bergangs und bestm�glicher �bersicht von einem Teil zum anderen. Zus�tzlich wurde das Bauwerk dem Terrain und der Umgebung im Sinn fexibler Verteidigung und beweglicher Aktionen angepasst. Dabei konnten mit wenigen Soldaten etwaige Eindringlinge im Nahkampf mit Bajonetten, S�beln und Totschl�gern in Schach gehalten werden. Die Grundprinzipien aller drei Festungsteile waren: Plattformen f�r die Kanonen, autonome innere Unterteilungen, K�chen und Latrinen, unterirdische G�nge und sichere Rundg�nge f�r die Gewehrsch�tzen zu den Verteidigungsmauern. Eine gro�e zentrale K�che und weitl�ufige R�umlichkeiten konnten jeweils die ganze Garnison aufnehmen.
�
Die enormen Kosten der Anlage belasteten die damals leeren Kassen der k.u.k Monarchie und wurden von den h�chsten Amtstr�gern unter Franz I als �bertrieben bezeichnet. Der Bau verschlang alles in allem 2,6 Millionen Gulden, was etwa 400 bis 500 Millionen Euro entspricht. Der Planer Franz von Scholl musste sich deshalb am Tag der Einweihung, dem 18. August 1838, von seiner Majest�t die Frage gefallen lassen, ob denn der Bau ganz aus Silber best�nde. An den Kosten scheiterte dann auch eine geplante Erweiterung, der sich als Festungskoloss n�rdlich von Oberau bis �stlich �ber M�hlbach erstreckt h�tte � ein v�llig utopischer Plan, der schon durch die sich wandelnde Milit�rtechnik �berholt worden w�re.
�
Aber noch einmal zur�ck zur Materialbeschaffung:
�
F�r die 20 Millionen Ziegelsteine zur Realisierung der Gew�lbe und Dachziegel wurden 900.000 cbm Ton in der n�chsten Umgebung abgebaut und in zwei �fen gebrannt. Die Ziegel wurden mit den drei Buchstaben KKF (K�niglich-Kaiserliche Festung) gekennzeichnet. Holz war im �berfluss vorhanden. Trotz der gewaltigen Abholzung im Baustellengebiet war die Festung bei ihrer Einweihung immer noch von einem dichten Fichtenwald umgeben. Mit Fichtenholz wurden alle Ger�ste, Rampen und Gehsteige hergestellt. Das wertvolle L�rchenholz dagegen wurde gesammelt, zur Trocknung gelagert und f�r die Dachbalken und B�den der R�ume auch unter den schweren Kanonen verwendet. Aufgrund seiner guten Qualit�t sieht es noch heute, nach fast 180 Jahren noch so aus, als sei es erst k�rzlich verbaut worden. Das Brennholz stammte nicht nur aus den W�ldern sondern auch aus dem Flussbett, wo es w�hrend der h�ufigen Hochwasser angeschwemmt wurde. Bis zum Abschluss der Arbeiten wurden 297.000 Laufmeter Holz verwendet � also fast 300 Kilometer. Der Wasserkalkm�rtel wurde aus dem 30km entfernten Bruneck herangeschafft und der Branntkalk aus dem noch weiter entfernten St. Vigil im Gadertal machten den Bau einer neuen Verbindungsstra�e erforderlich � 190 Kubikmeter Kalk wurden herantransportiert.
�
Besondere Erw�hnung verdient der Granit, damals einer der teuersten Baustoffe. Der Granit aus dem Pfunderer Bergwerk und aus Pfalzen wurde von Sprengstoffexperten und Steinmetzen, die in Pfalzen untergebracht waren zu Bl�cken in drei Gr��enordnungen zugerichtet: 130x35x47 / 63x 20x 47 und 66x60x47 cm � also immer mit einer Seitenl�nge von 47 cm. Dies erlaubte eine gewisse Standardisierung. Noch heute ist die genaue Pr�zision der Fugen zu bewundern. Diese Qualit�t wurde aus Kostengr�nden auf die Au�enmauern, Portale und Fensterlaibungen beschr�nkt. Im Innenbereich wurde auf den Granit des Baugrundes und der benachbarten Br�che in Grasstein zur�ckgegriffen, diese Bl�cke wurden nur grob zugehauen und mit Splittersteinen verfugt.
�
Die Transportprobleme wurden mit 200 Paaren von Zugpferden und ebenso vielen Karren gel�st, die Transportgeschwindigkeit wurde auf 2,2 km/h festgelegt. Transportiert wurde eine Durchschnittslast von 600 kg was 587 Fahrten in den 5 Jahren der Bauzeit notwendig machte.
�
Die Festung wurde schlie�lich mit 90 Gesch�tzen best�ckt, darunter sechs- sieben- zw�lf- achtzehn- und Drei�igpf�nder. Sie wurden in Batterien angeordnet, die aus R�umen bestanden, welche sich zu den Schie�scharten hin verengten. Dar�ber waren kaminartige �ffnungen f�r den Rauchabzug beim Abfeuern angeordnet. Auf der gegen�berliegenden Seite sorgten Fenster f�r eine gute Querl�ftung in die Abzugshauben. Im Kriegsfall konnte die Festung eine Garnison von 1.000 Mann aufnehmen, in Friedenszeiten gen�gten 70 Soldaten f�r Betrieb und �berwachung dieser Festung, die nie direkten Kriegshandlungen ausgesetzt war.
�
Zweimal jedoch wurde die Stabilit�t der Anlage unter Beweis gestellt:
�
Einmal 1862 als dreizehn 24-pf�ndige Artilleriegeschosse gegen die �u�ere Befestigungsmauer abgefeuert wurden und ein andermal 1896 mit einem Beschuss aus den damals modernsten Gesch�tzen � auch diese hatten keine Chance gegen den harten Granit aus Pfalzen. Die Waffen der Bauepoche waren Feldgesch�tze aber auch Kanonen gr��eren Kalibers, die fest angebracht wurden. Die Rohre waren aus Bronze und Granaten hatten die Kugeln aus Granit abgel�st. Der innere Drall der Kanonenrohre war noch nicht bekannt, er wurde f�r gr��ere Reichweiten und h�here Pr�zision zusammen mit zylindrischen Geschossen erst 1870 in Schlachten eingef�hrt in denen die Preu�en �ber Frankreich siegten.
�
Die Gewehre waren noch Vorderlader und bei Regen und Feuchtigkeit unbrauchbar. Erst 1840 wurde der Feuerstein durch eine Kupferkapsel mit Knallquecksilber und schlie�lich durch Patronen ersetzt. Erst um 1900 tauchten Repetiergewehre auf und 1884 erfand der Amerikaner Maxim das Maschinengewehr. Zur Zeit des Festungsbaus bestand die Bewaffnung der Soldaten aus einem Vorderlader mit Bajonett, S�bel und Totschl�ger f�r den Nahkampf sowie Lanzen f�r die berittenen K�mpfer. �blich waren Blankwaffen im Kampf nach starren Protokollen und Prozeduren � das Wort �Schlacht� hatte seine blutige Berechtigung im Kampf von Mann zu Mann.
�
In sp�teren Jahren kam es zu zahlreichen Umbauten, zun�chst als Pulver- u. Munitionsdepot. Die einschneidensten Umbauten kamen durch die Eisenbahn. 1867 wurde die Brennerbahn fertiggestellt und schon 1871 wurde die Bahnlinie im Pustertal gebaut, die durch die Festung selbst mit einem eigenen inneren Milit�rbahnhof gef�hrt wurde und dann die Schlucht des Eisack mit der damals h�chsten Eisenbahnbr�cke Europas �berquerte � die �hohe Br�cke von Aicha� lag mit ihren Geleisen 80 m �ber dem Fluss und wurde auf unz�hligen Postkarten dargestellt. In den Jahren 1939/41 wurde auf Wunsch Mussolinis der Stausee f�r die Elektrifizierung der Brennerbahnstrecke gebaut und Teile der Festung verschwanden mit dem Nordwestzugang im Wasser. Schlie�lich wurde 1965 die Brennerautobahn A22 neben der Staatsstra�e und der Bahnstrecke gebaut. Die Stra�e musste tiefergelegt und die Autobahn teilweise dar�ber gef�hrt werden. Das brachte es mit sich, dass der Teil der Festung, der am sichersten und besten ausgestattet war zum teil abgetragen werden musste. Schlie�lich lie� das italienische Milit�r Schie�scharten zumauern und riesige Granitbl�cke wegnehmen um die Einfahrt von Milit�rfahrzeugen zu erleichtern. Die Statuen der k.u.k Gener�le Radetzky und Hess wurden von den Sockeln neben der Kapelle vom italienischen Milit�r entfernt und sind verschollen.
�
Trotz allem fasziniert der Bau auch heute noch.. Er dokumentiert auf anschauliche geradezu unheimliche Weise den rasch �berholten Unsinn gigantischer R�stungsma�nahmen und deren horrende Kosten. Heute, wo es der Menschheit m�glich ist sich atomar selber zusammen mit unserem sch�nen blauen Planeten zu vernichten mutet die Befestigungsanlage der Franzensfeste geradezu absurd und surreal an � ein Denkmal ingeni�ser menschlicher Unvernunft. Ein feste Burg im Zeitalter der Bombenteppiche, sinnlos, schon gar keinen Schutz gegen eine Hiroshimabombe bietend oder gar gegen die tausendmal vervielfachte Vernichtungskraft der modernsten Waffen mit denen sich die Menschen heute nach dem Leben trachten � abh�ngig von Machthabern,� die nur einen Knopfdruck dazu ben�tigen.
�
Wir w�nschen diesen modernen Waffen, dass sie ebenso wenig zum Einsatz kommen wie die feste Burg von Franzensfeste.
�
Ein feste Burg ist unser Gott
Ein gute Wehr und Waffen
�
...dichtete Paul Gerhard und dabei sollte es auch bitte bleiben.
�
Gehalten anl�sslich des 4. Backsteinkongresses in Wismar, September 2009
von
�
Andreas Gottlieb Hempel
Prof. Dipl.-Ing. Architekt & Publizist