Architektur auf Reisen
Von der Reise zur�ck wollen wir nicht �ber Gestalt und Ungestalt, die uns unterwegs in den Hotels begegnet sind, nachdenken sondern �ber Funktion und Service, die uns im Ferienalltag eigentlich das Leben erleichtern sollten.
Wir wollen das Thema Gestaltung nicht vertiefen. Manche Hoteliers schw�ren darauf, dass ihre G�ste t�rmchenbekr�nte Tiroler Lederhosenarchitektur wollen. Andere weisen darauf hin, dass ihre Haus wegen der coolen Designereinrichtung eines Weltstars unter den Architekten so beliebt ist. Mag sein. Sicher ist, dass manche Buchung schon �ber die Bildchen im Internet getroffen wird. Verliebte Paare r�keln sich da mit roter Rose und Proseccoflasche auf einem �ppigen Doppelbett. Bildh�bsche Models halten im Wellnessbereich Handt�cher �ber das, was man eigentlich gerne sehen w�rde. Reizende V�ter tollen mit den lieben und immer fr�hlichen Kleinen auf buntem Spielmobiliar. Und die Sonne lacht dazu, im Winter �ber meterhohem Schnee, im Sommer �ber st�ndig bl�henden Wiesen. Und dann die K�che � da l�uft einem das Wasser im Munde zusammen vor den ganztellergro�en Aufnahmen von Scampi & Co.
Der erste Eindruck entscheidet
Da kommt der Architekt also an vor dem Haus seiner Wahl. Halteverbot vor dem Hoteleingang, der Parkplatz an der K�chenanlieferung ist von den Autos der Mitarbeiter besetzt. Es w�rde aber auch niemand den Schlag �ffnen, selbst wenn man in einem frisch gewaschenen Porsche Cayenne vorf�hre. Also Parken hoffentlich noch irgendwo in Sichtweite und Kofferschleppen. Da hilft einem schon lange niemand mehr. An der Rezeption empf�ngt ein versch�chtertes M�dchen. Ihr Gru� lautet: �Bitte s�hr - hier ausfillen!�. �ber die Koffer gebeugt und von der Umh�ngetasche behindert nach der Brille fingern � wie war doch die Passnummer?. Mit einer Plastikkarte in einem Pappumschlag auf dem �Herzlich Willkommen� steht werden die G�ste vollbepackt losgeschickt � das nachgerufene �g�ht gutt so?� nehmen sie nicht so ernst, denn schon stehen die N�chsten am Empfang.
Den Gast richtig einsch�tzen!
Das Paar findet den engen Lift und f�hrt zweimal wegen des Gep�cks und ein drittes Mal nach unten weil sich die T�r nicht mit der Karte �ffnen l�sst. �Ah ja, nonich eingest�llt.�. Innen dudelt der Fernseher � immerhin ist diesmal der Name auf dem Bildschirm richtig geschrieben, herzlicher elektronischer Empfang. Sein Blick f�llt auf das vorgelagerte Flachdach der K�che mit dem L�ftungsaggregat. Der n�chste Blick gilt dem Bett. Eine tiefe Rinne zwischen zwei getrennten Matratzen wird f�r Sitte und Anstand sorgen. Sie hat inzwischen das Bad inspiziert. Es ist braun gefliest, die Sanit�rgegenst�nde sind orange � beste 1960er Jahre. Wieder herunter zur Rezeption. Dort herrscht inzwischen die Chefin mit gro�er Freundlichkeit. Selbstverst�ndlich, ein anderes Zimmer, nach vorne heraus mit sch�nem Blick und neu eingerichtet. Bitte sehr!
Design oder nicht Design ist hier die Frage
Tats�chlich, alles vom Feinsten. Der Architekt l�sst sich nicht vom Teppich mit den blauen Sternchen und dem Mahagoni des Mobiliars irritieren, er pr�ft die Funktionen. Wohin mit dem Koffer, der ge�ffnet den doppelten Platz ben�tigt? Das Klappb�nkchen ist dazu ungeeignet, es bleibt nur das Bett. King-Size diesmal. Wohin mit dem Mantel? Die spie�igen Garderobehaken wurden wegdesignt. Im Schrank finden sich diebstahlsichere B�gel, deren Widerhaken man in eine Metalllasche fummeln muss. Es ist dunkel im Schrank, dreimal f�llt der B�gel mit Mantel herunter. Der Architekt installiert seinen Laptop an der Elektroleiste nachdem er Mappen mit Reklamebrosch�ren und den St�nder mit der Anzeige f�r Erotikfilme verr�umt hat und unterzieht sich einem Crash-Kurs in Informatik f�r den Anschluss.
Das Bad ist fast am wichtigsten
Der Dame fehlen Ablagefl�chen im Bad f�r ihre Beautybox und seinen Kulturbeutel. Der F�hn ist f�r Linksh�nder angebracht und als Luftschlauchtyp ebenfalls diebstahlsicher. Die Strahler leuchten den Waschtisch zwar gut aus lassen das Gesicht aber im Dunkeln. Bidet? Fehlanzeige (wir sind in Deutschland). In der Duschkabine fehlt die Ablage, daf�r gibt es einen Seifenspender mit miefig-rosa Gel und die modische Regenbrause aus der zun�chst Kaltwasser �berrascht. Die Handt�cher � diesmal nicht aus Wabenstoff sondern aus feinstem Frott�e � t�rmen sich auf einem Plastikhocker �ber zwei Badem�nteln. Die kann man an der Rezeption kaufen, teilt der Spiegelaufkleber mit und es wird gebeten die Handt�cher mehrfach zu nutzen und erst dann auf den Boden zu werfen � es geht aber nicht anders, denn Haken gibt es auch hier nicht und der R�hrenheizk�rper zum Handtuchtrocknen bleibt im Sommer kalt.
Bequem ist es wenn es funktioniert.
Auf dem Tisch steht eine Schale mit Obst, der Apfel hat die Konsistenz von nassem Styropor, die Trauben sind knackhart und die Erdbeere schmeckt nach Kohlrabi. Erinnerungen an das Paar vom Internet mit der Proseccoflasche. Die steht als Piccolo in der Minibar f�r den Preis einer Magnumflasche im Getr�nkemarkt. Die mitgebrachte Sektflasche passt dort nicht herein. Das kann ja ein gem�tlicher Abend werden! An Lesen ist nicht zu denken, die Designerlampen lassen sich nicht �ber das Buch schwenken werden aber zum Fingerverbrennen gl�hhei�. Gut, dann eben Fernsehen, der Flachbildschirm ist riesig. Es gibt eine Sendung �ber neue Hotels in S�dtirol. Lauter strahlende G�ste sind da zu sehen. Alles paletti.
Andreas Gottlieb Hempel
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