Sonntag, 18.10.2009 | Francisci oppidum

Francisci oppidum � ein feste Burg, nie genutzt.

Die Franzensfeste ist immer noch das gr��te zusammenh�ngende Bauwerk Tirols, die gr��te Festung im Alpenraum, eines der gr��ten Festungsbauwerke in Europa und mit 20 ha Fl�che wirklich eine kleine Stadt. Wuchtige Mauern aus Granit, 20 Mio. in den inneren Gew�lben verbaute Ziegel, 300 laufende Kilometer verwendetes Holz, ein in den Granit gehauener Verbindungsgang mit 451 Stufen - alles in nur f�nf Jahren von 4.500 Arbeitern bis 1838 errichtet � ein Bau der Superlative. Auch in den Kosten: nach heutiger W�hrung 500 Mio. Euro.

Erst die neueste Festungsbauweise...

Erzherzog Johann, zwanzig Jahre jung und schon Oberbefehlshaber des �sterreichischen Heeres, gilt als Initiator des Festungsbaus im Rahmen des geplanten Festungsvierecks von Verona, Peschiera, Mantua und Legnago. Franzensfeste sollte als erste fertiggestellt werden. Der Planungsauftrag ging an den Festungsplaner Franz von Scholl, der sich nicht mehr an die Grunds�tze des Festungsbaus im Barock hielt, sondern den �berlegungen Montalamberts und der �neudeutschen� und �neu�sterreichischen� Festungstechnik der Milit�rakademien folgte, wie sie entlang des Rheines und der Donau (etwa in Ulm und Koblenz) begonnen wurde. Streng klassizistische Bauten wurden so verwinkelt angeordnet, dass kleine Verteidigungsteile innerhalb der Festung entstanden und man selbst gegen eingedrungene Angreifer noch vorgehen konnte. W�re die untere und mittlere Festung verloren gegangen, so konnte diese noch von der oberen Festung beschossen werden.

...dann ein Dinosaurier der Kriegstechnik

Niemals hat sich dieser milit�rtechnische Saurier, f�r fast 100 Kanonen und 1000 Mann Garnison geplant, im Kampf bew�hren m�ssen. Zweimal hat sich die k.u.k Artillerie allerdings im Man�ver an den Festungsmauern versucht � ohne die geringsten Spuren zu hinterlassen. Als Reaktion auf die napoleonischen Kriege gebaut aber bald von der sich rasch �ndernden Kriegstechnik �berholt, wurde die Festung zum Munitionsdepot degradiert. Sie blieb aber bis zur �bergabe 2005 an das Land S�dtirol immer milit�risches Sperrgebiet. Bis zuletzt herrschte Fotografierverbot und der Zugang war nur Mitgliedern der sie verwaltenden Alpinibrigade �Tridentina� mit einem komplizierten Erkennungsprotokoll m�glich.

Ein geheimnisumwittertes Bauwerk

Kein Wunder, dass diese letzte Festung des an Burgen schon reichen S�dtirol geheimnisumwittert war. Nicht zuletzt durch den sagenhaften Goldschatz der Banca d�Italia. 127 000 Tonnen Feingold lie� der r�uberische Diktator Mussolini kurz vor seiner Entmachtung 1943 dort verstecken. Aber nur 25 000 Tonnen konnten nach Kriegsende dem italienischen Staat von den Amerikanern zur�ckgegeben werden, der Rest blieb verschwunden. Es hei�t, dass er von der Deutschen Wehrmacht nach Berlin und in die Schweiz gebracht wurde. Aber auch die italienische Geheimloge P1 unter Licio Gelli sowie der argentinische Diktator Juan Peron sollen davon profitiert haben. Und vielleicht findet sich ja doch noch etwas in den Katakomben.

Nach der �bergabe: eine Kulturfestung?

Nach der �bergabe folgten Aufr�umarbeiten um die sich die Gruppe Oppidum der Gemeinde Franzensfeste besonders verdient machte. Es wurde versucht, das martialische Bauwerk der �ffentlichkeit zug�nglich zu machen und eine neue, weniger milit�rische Nutzung zu finden. Nun fand in diesem Jahr von Mai bis einschlie�lich Oktober die Tiroler Landesaustellung �Labyrinth Freiheit� dort statt und weit �ber 50.000 Besucher konnten die Festung von innen erobern. Die Ausstellung, die den Mythos Freiheit im viel strapazierten Hofer Jahr auf ganz andere Weise interpretiert � sie wurde an anderer Stelle eingehend besprochen - hat auch architektonische Spuren im Bauwerk hinterlassen.

Sensible moderne Einf�gungen

Architekt Markus Scherer, der schon an der Planung f�r Schloss Tirol beteiligt war, hat nach einem Wettbewerb mit sorgsam ausgew�hlten, sensiblen Eingriffen dem unteren und mittleren Festungsteil eine beachtenswerte F�hrungslinie moderner Architektur verliehen. Treppent�rme aus neuartig verarbeitetem Beton mit transparenten Fugen, Stahlbr�cken und Treppen, statisch leicht wirkend gegen die granitene Schwere der Mauern und das allgegenw�rtige Ziegelmauerwerk im Innern sowie zur�ckhaltende, einfache Details haben den klobigen Festungscharakter �veredelt� � viel zu sch�n f�r weitere Schie��bungen!

Wohin soll es gehen?

Ging der Schuss mit der sch�nen Landesaustellung auch voll ins Schwarze so ist doch das weitere Schicksal zur Nutzung des gigantischen Bauwerks noch ungewiss. Der obere Festungsteil, gewisserma�en die �Akropolis� der Franzensfeste wurde noch gar nicht in die Umbau- und Einbauma�nahmen einbezogen. Die Franzensfeste ist allen S�dlandreisenden als �landmark� bestens bekannt. Sie k�nnte der beeindruckende Empfangssalon S�dtirols von Norden werden. Vielleicht mit �Gro�em Bahnhof� � der s�dliche Ausgang des Brennerbasistunnels wird ganz nah benachbart sein. Oder eine einladende Zufahrt von der Brennerstra�e f�r die Landstra�engenie�er unter den Automobilisten, die hier touristische Ausk�nfte erhalten. Oder mit einer Fahrradstation f�r diesen umweltfreundlichen und st�ndig anwachsenden Tourismus, vielleicht sogar mit einem Bikerhotel. Und mit Autobahnanschluss � warum nicht einmal eine ganz andere Autobahnrastst�tte? Gute Ideen sind gefragt, ein Wettbewerb k�nnte wieder weiterhelfen.

Andreas Gottlieb Hempel

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Andreas Gottlieb Hempel
Prof. Dipl.-Ing. Architekt & Publizist
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