Sonntag, 18.10.2009 | Sch�tze kommt von Sch�tzen

Lieber Herr Tribus,

vielen Dank f�r Ihre Aufforderung sich zu den ethnischen Zwistigkeiten zu �u�ern.
Ich wei� nicht, ob mir das als Wahls�dtiroler mit italienischem Personalausweis und deutschem Pass �berhaupt zusteht - aber ich kenne nun S�dtirol seit 48 Jahren und habe meinen Wohnsitz seit 14 Jahren hier. Ich habe sechs B�cher �ber S�dtirol geschrieben und meine, Land und Leute einigerma�en zu kennen. Vielleicht ist aber auch der Blick eines von "Drau�en" ganz hilfreich:

Geschichte ist vergangenes Geschehen, das nicht vergessen werden sollte, aus dem man lernen kann. Wer sich nicht mit seiner Geschichte auseinandersetzt ist arm dran und verf�llt leicht in die Wiederholung alter Fehler. Mag sein, dass "die Italiener" ihre faschistische Vergangenheit nicht immer aufgearbeitet haben - gewi� nicht so selbstqu�lerisch wie die Deutschen. Mag sein, dass "die S�dtiroler" das Unrecht, das Ihnen unter dem Faschismus widerfahren ist, nicht vergessen k�nnen. Immerhin hat der italienische Staat mit der gro�z�gigen Autonomie eine Art der Wiedergutmachung geleistet welche den dadurch wohlhabend gewordenen S�dtirolern das Verzeihen erleichtern kann.

Im t�glichen Leben ist dadurch ein ethnischer und sozialer Frieden eingekehrt, um den uns andere "Vielv�lkerstaaten" nur beneiden k�nnen. Dazu ist die Europ�ische Union gekommen, welche die Regionen gest�rkt hat, so dass es durch die Grenz�ffnungen gerade den S�dtirolern ziemlich gleich sein k�nnte, ob sie nun zu Italien oder zu �sterreich geh�ren - immer im t�glichen Leben, wo mit Euro sowohl in Bozen als auch in Innsbruck bezahlt werden kann. Im t�glichen Leben st�ren die faschistischen Relikte wie das Duce-Relief, das Siegestor, der Kapuziner-Waschtl eigentlich nur diejenigen, die sich dadurch st�ren lassen wollen. Ich f�hre z.B. immer wieder gerne meine italienischen Besucher vor diese Relikte und weide mich - zugegebenerma�en - daran, wie ihnen diese �berreste peinlich sind. In Deutschland sind die Naziembleme ja alle verschwunden - vielleicht w�re es sogar ganz gut, wenn manche noch sichtbar w�ren und - gut erkl�rt - als Zeugen einer unr�hmlichen Vergangenheit auch den wackeren Deutschen heute noch peinlich sein k�nnten.

Normalit�t im Alltag - peinliche Aufm�rsche feiertags auf beiden Seiten (Sch�tzen und Staatsmacht). F�r Menschen von "Drau�en" hat das fast schon kom�diantische Z�ge wenn es nicht von diesen Unbelehrbaren so ernst genommen w�rde.

Was k�nnte aber die Zukunft bieten?
Zur�ckhaltende Staatspr�senz auf italienischer Seite und Sch�tzen, die ihre Heimat sch�tzen, vor Zersiedelung, vor undemokratisch verfestigten Machtstrukturen im eigenen Haus, vor spekulativem Ausverkauf der Werte ihrer Heimat im materiellen als auch im geistigen Sinne. Denn Sch�tze kommt jetzt und k�nftig von sch�tzen und nicht von schie�en.

Eine weitere Frage ist die Fortentwicklung der S�dtiroler Autonomie. In einem zusammenwachsenden Europa kann diese Fortentwicklung nur in Richtung gr��ter regionaler Selbstst�ndigkeit, sprich Selbstverwaltung im lockeren Staatsverband gehen. Das was am italienischen Staat so marode ist und den Alltag so beschwert, k�nnte in die S�dtiroler Selbstverwaltung �bergehen: Finanzen, Steuern, Energieversorgung, Stra�enbau, Bahn, Post, Telefon usw.usw. - einfach alles das, was das t�gliche Leben durch die Verwaltung in der Region effektiver und einfacher machen w�rde. Nicht nur f�r die deutschsprachigen und ladinischen Bev�lkerungsteile sondern auch f�r die Italiener, die dabei genauso zu S�dtirolern werden k�nnen - ohne Ressentiments und ohne Disagio aber mit dem unsch�tzbaren Vorteil dreier Kulturkreise, gemeinsam �berwundener Vergangenheit und einer Zukunft in einem Europa, das schlie�lich frei werden wird von nationalistischem Denken sondern seinen Reichtum aus der Vielfalt bezieht. Themen zur diskursiven Auseinandersetzung wird es dann immer noch genug geben - aber hoffentlich ohne die unertr�gliche ethnische Keule! Als Deutscher w�nsche ich den S�dtirolern diese friedlichen Einsichten und diese freie Entwicklung als gutes Beispiel im Herzen der EU.

Mit freundlichen Gr��en und der Hoffnung
dass sich der friedliche Alltag nur am Rande von dem derzeit so aufgeregten Geschrei der Ewiggestrigen
st�ren l�sst.
Ihr

Andreas Gottlieb Hempel
Prof. Dipl.- Ing. Architekt & Publizist
Diplom-Sommelier AIS
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Tel/Fax +39 0472 836317
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