Baukultur Januar 2010
...daf�r gehe ich meilenweit!
Wer nach S�dtirol f�hrt, erwartet neben der traditionellen Gastfreundschaft die Dolomiten, eine Kulturlandschaft und eine reiche Baugeschichte. Es erwarten ihn aber auch technische Baudenkm�ler wie die erste Seilbahn der Welt, die Brennerbahn, epochemachende Wasserkraftwerke und Erfindungen, die aus der Not einer einst armen Bergbev�lkerung entstanden sind. Dass diese technischen Denkm�ler gew�rdigt werden k�nnen, verdanken wir dem Kuratorium f�r Technische Kulturg�ter in Bozen. Schon vor Beginn der Reise nach S�dtirol kann der an technischen Kulturg�tern Interessierte sich im Internet informieren:
Das Technikmuseum
Unter www.technikmuseum.it trifft der Besucher auf ein gut gemachtes virtuelles Museum, wo er sich auf einem Bildschirmrundgang �ber Eisenbahnen und Bergbahnen, Kraftwerke und Architektur, Ingenieurbauten, Bergbau und Kommunikation (Druckmaschinen, TV-Umsetzer und Phototechnik) bis hin zu den Pionieren der Technik � wie Peter Mitterhofer, den Erfinder der Schreibmaschine oder Max Valier, den Forscher der Raumfahrt � informieren kann. �ber fast alles, was in der kleinen Region S�dtirol erfunden, geplant und umgesetzt wurde gibt es Angaben.
Not macht einfallsreich
Vor dem Bau der Stra�en, die heute fast jede Alm erreichen, war S�dtirol als Bergland unwegsam. Manche D�rfer oder H�fe waren den ganzen Winter abgeschlossenen. Der Vinschgau, obwohl fr�her die �Kornkammer� S�dtirols galt als das Armenhaus Tirols und bekam erst mit dem Bau der Vinschgerbahn und den damit verbundenen Exportm�glichkeiten Anschluss an Wohlstand und Tourismus. Mobilit�t und Energie waren zwei Chancen f�r das Land, die durch den Bau der Bahnen und Elektrizit�tswerke verwirklicht werden konnten. In Kardaun wurde 1901 das erste Wasserkraftwerk gebaut und nach Kohlern hinauf baute der Gastronom Josef Staffler 1908 die erste Seilbahn der Welt. Gerade die Schwierigkeiten der Erschlie�ung und Versorgung forderten den Einfallsreichtum der S�dtiroler heraus und setzten eine erstaunliches Kreativit�t frei, so dass S�dtirol in der Geschichte der Technik eine bedeutende Rolle spielte.
Technische Denkm�ler?
Baudenkm�ler wie Kirchen, Burgen und Ansitze werden wie selbstverst�ndlich als Denkmale behandelt und dauerhaft gesch�tzt. Anders ist es mit technischen Denkm�lern � nichts scheint so alt wie der Fortschritt von gestern, dessen Maschinen und Bauten m�glichst rasch der neuesten Entwicklung zu weichen haben � hier gilt nicht der Gedanke des Bewahrens und Erinnerns sondern nur des Wirtschaftens, der st�ndigen Ver�nderung. Alle Bem�hungen des Schutzes sind eigentlich gegen die Dynamik des Fortschritts gerichtet. Warum also ein Kuratorium zur Erhaltung technischer Kulturg�ter?
Erhalten statt Ersetzen
Der n�chsten Generation sollte das Erlebnis historischer Technik schon deshalb anschaulich gemacht werden um auch die Chancen der weiteren Nutzung, die M�glichkeit zur Umnutzung oder sogar der Wiederentdeckung l�ngst vergessener einfacher Systeme zu erm�glichen. Wer wei� denn, wie dankbar eine sp�tere Zeit f�r die Wiederaufnahme bereits aufgegebener Produktions- und Konstruktionsmethoden sein wird, die direkt sinnlich erfahrbar waren und nicht nur ihren Nutzen kaum nachvollziehbar und anonym entfalten. Dazu kommt, dass die technischen Kulturg�ter der Vergangenheit auch Teile einer besonderen Baukultur waren. Wer heutige Gewerbegebiete betrachtet, wei� wovon die Rede ist. Die Bahnh�fe in S�dtirol des 19. Jh. etwa wurden nach einheitlicher Systematik gebaut. Sie strahlen dennoch eine individuelle Atmosph�re aus. Oder die Bauwerke der Kraftwerke: sie sind in ihrer architektonischen Gestaltung meilenweit von den gesichtslosen Gewerbekisten unserer Zeit entfernt. Alles das gilt es als Zeugnisse einer technischen Baukultur zu erhalten und neu zu nutzen. Im �brigen geben sie Zeugnis von einem innovativen Gestaltungswillen der f�r die neuen Bauaufgaben entwickelt wurde und von dem wir nur lernen k�nnen.
Die Technikmeilen
Der Reisende nach S�dtirol muss sich nicht auf das virtuelle Erinnern beschr�nken. Immer noch gibt es gen�gend Zeugnisse einer vergangenen technischen Baukultur. Man muss sie nur zu finden wissen. Auch hier hat sich das Kuratorium f�r Technische Kulturg�ter verdient gemacht: Es gibt z.B. einen Radf�hrer, der den aufmerksam radelnden Besucher auf dem hervorragenden Radwegenetz S�dtirols zu �ber 50 Schaupl�tzen der Technik f�hrt. Diese �Technikmeile S�dtirol� f�hrt vom Brenner nach Salurn und vom Reschen nach Toblach. Die entlang der Routen bezeichneten technischen Kulturg�ter sind alle sehenswert.
Veranstaltungen und Ver�ffentlichungen
S�dtirol und seine technische Kulturg�ter verdanken der Fantasie, Arbeitswut und Fachkenntnis Wittfrida Mitterers viel � nicht zuletzt sch�ne, themenbezogene B�cher und regelm��ige Veranstaltungen anl�sslich der Vorstellung von Projekten, die auf Veranlassung des Kuratoriums renoviert, umgenutzt und wieder zug�nglich gemacht wurden oder ein Jubil�um begehen. Hut ab vor diesem Engagement f�r Baukultur!
Andreas Gottlieb Hempel