Mittwoch, 20.01.2010 | Baukultur Dolomiten Februar 2010 Haupttext Blick �ber den Berg

Dolomiten
Baukultur Februar 2010

Blick �ber den Berg

Wer die bauliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte� in S�dtirol verfolgt hat, dem wird bewusst, wie viel Substanz verloren gegangen ist. Es geht nicht nur um materielle Verluste � es geht auch um den Verlust von Geschichte, Identit�t und seelischem Reichtum, um den Verlust von Heimat. Wie wird dieses Problem anderswo gehandhabt? Wir blicken �ber den Berg ins Engadin.

Die S�dtiroler sind bisweilen die Klassenbesten. Wahre Weltmeister sind sie jedoch beim Abbruch alter geschichtstr�chtiger Geb�ude. F�r eine Handvoll Kubatur mehr verschwindet mit dem alten Haus auch ein St�ck Selbstverst�ndnis. Es weicht zumeist Allerweltsbauten im sogenannten alpinen Stil. Es k�nnte auch eine jener �den Gewerbekisten sein oder ein verkitschtes Jodelhotel, dass dem Gast falsche Eindr�cke der authentischen S�dtiroler Baukultur vermittelt. Selten findet man Selbstbescheidung auf das Vorhandene, dass man einer neuen Nutzung zuf�hren k�nnte ohne es gleich zu zerst�ren.

Wie ist das woanders?

Wie machen das unsere alpinen Nachbarn in vergleichbaren F�llen? Der erste Eindruck: auch nicht viel besser � jedenfalls in der gro�en Masse. Es gibt aber Ausnahmen, die eine beispielhafte Wirkung auf das S�dtiroler Baugeschehen haben k�nnten. Dazu geh�rt das Engadin. Dort geht es mit den strengen Schweizer Baugesetzen nicht in erster Linie darum aus dem Bestand noch mehr Kubatur herauszuschinden sondern den Charakter der alten Engadiner H�user und damit auch der Ortsbilder zu bewahren.

Der Wandel des Erwerbs von der Landwirtschaft zum Tourismus hat dazu beigetragen, dass viele der alten Bauernh�fe in den Engadiner D�rfern ihre Funktion verloren haben und zum Verfall oder Verkauf standen. Manch wohlhabender St�dter hat die einmalige �sthetische Wucht der massiven Engadiner H�fe erkannt und sich eingekauft. Eine grundlegende Ver�nderung der streng strukturierten Geb�ude in komfortable Wohnh�user stand bevor und h�tte dem Charakter dieser H�user leicht den Garaus machen k�nnen, wenn sich nicht einige Architekten zu ihrer Verteidigung gefunden h�tte. Unter ihnen auch Hans-J�rg Ruch, der seine Energie der sensiblen Sanierung, Renovierung und Umnutzung alter Engadiner H�fe widmet. Er hat seine Interventionen in einem bemerkenswerten Buch ver�ffentlicht � siehe nebenstehende Buchvorstellung.

Die Arbeitsweise des Architekten

Das systematische Vorgehen von Architekt Ruch ist bemerkenswert. Er nimmt sich viel Zeit um das Geb�ude, dass er sanieren und umgestalten soll, in seinem Charakter, seiner Geschichte und seiner Baustruktur zu begreifen und in einer genauen Bauaufnahme zu analysieren. Zun�chst wird das Haus von allen sp�teren Zutaten befreit, die sich im Laufe der wechselnden Benutzer mehr oder weniger passend angesammelt haben und oft das Alte, Echte oder gar die gesamte Struktur entstellend �berdecken. Der Bau wird sozusagen freigesch�lt, sein Wesen klar herausgearbeitet. Oft werden dabei alte Fresken, sch�ne T�felungen und anderes Verborgenes unter Putz, Verschalungen oder Zubauten entdeckt. Ist das erreicht, dann kann Hans-J�rg Ruch seine Bauherren leichter davon �berzeugen, was das Haus an Neuem vertr�gt. Dabei geht es neben der Umnutzung der R�ume auch um den Einbau von heutzutage notwenigem technischen Komfort, der das Haus weder entstellen noch �berstrapazieren darf. In den massiven alten Bauten war zum Beispiel nur ein gemauerter Ofen vorhanden, der die Stube von der K�che aus heizte. Beeindruckend sind neben den R�umen f�r die Menschen die in den Hof eingegliederten St�lle und Scheunen, meist unter einem Dach, die mit ihrer Gr��e � der gesamte Wintervorrat wurde dort eingelagert � heute dazu verf�hren k�nnten, diese leere Kubatur mit zus�tzlichen Wohnungen zu f�llen. Ruch hat solchen W�nschen nie nachgegeben und seine Bauherren immer davon �berzeugen k�nnen, diesen Raumluxus selber zu nutzen � teilweise sogar als Kunstgalerien engagierter Sammler.

Den Charakter des Hauses erhalten

Am wichtigsten ist es dem Architekten, die Typologie des Engadiner Haus zu respektieren. Ziel ist nicht ein entg�ltiger Umbau sondern ein weiterer Zustand, einer von vielen in der Geschichte des Hauses, dessen notwendige Interventionen ablesbar bleiben sollen. Das Entwerfen f�r die neue Nutzung beginnt also nicht bei null. Die Hauptsache, das alte Haus, ist schon da, von dem gelernt werden muss auf manche W�nsche zu verzichten um daf�r einen emotionalen Mehrwert der Best�ndigkeit, der Atmosph�re, der fortgef�hrten Geschichte oder des �ppigen Raumangebotes zu erhalten. Dazu geh�ren auch die Materialien. Imitierendes und Anp�sslerisches wird aus dem Haus entfernt. Das Wegnehmen interessiert Bauherren und Architekt dabei mehr als das Hinzuf�gen � erst dann wird entschieden, was noch hinzukommen darf. So wird der Charakter der Engadiner H�user in die neue Zeit hin�bergerettet und die D�rfer nicht mit neuen Chalets verbaut.

Ein Beispiel, das auch in S�dtirol Schule machen k�nnte: Erhalt und Umbau statt Abriss und Neubau. Weniger w�re dann mehr f�r die Identit�t und Authentizit�t unserer Region und k�nnte uns so manche Zersiedelung der Landschaft ersparen.

Andreas Gottlieb Hempel

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Andreas Gottlieb Hempel
Prof. Dipl.-Ing. Architekt & Publizist
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