Mittwoch, 20.01.2010 | Othmar Barth Ein Gro�er ging - seine Spur bleibt

Dolomiten

Ein Nachruf von Au�en

Othmar Barth
ein Gro�er ging � seine Spur bleibt

F�r uns M�nchner Studenten zu Beginn der 1960er Jahre war S�dtirol auf der Architekturlandkarte ein wei�er Fleck. Man fuhr nach Schweden um scandinavian design zu erleben oder in die Schweiz um seidigen Sichtbeton zu bewundern. Aus S�dtirol dagegen kam billiger Wein in Zweiliterflaschen vom Kalterersee f�r unsere Gelage. Bis unser Professor an der TU, Franz Hart, von einem beachtlichen Projekt in Brixen berichtete: der Cusanus-Akademie von Othmar Barth. Nie geh�rt.
Es waren wohl nur wenige von den rund vierhundert Studenten meines Semesters, die wirklich hinfuhren. F�r mich war es der Beginn einer wunderbaren Freundschaft mit S�dtirol und sp�ter auch mit Othmar Barth. Ich war begeistert von der Cusanus-Akademie und bin es noch heute. Sie steht da wie am ersten Tag, abgesehen von der sanften Patina, die sich auf den sauber gefugten Ziegeln gebildet hat. Der Ma�stab des Geb�udes ordnet sich dem barocken Hauptgeb�ude unter und behauptet sich doch eigenst�ndig durch die andere Materialwahl. Der gro�e Innenraum beeindruckt mit einer ausgekl�gelten Lichtf�hrung und raffinierten Reflexen. Alles funktioniert tadellos und ist l�ngst selbstverst�ndlicher Teil des �ffentlichen Lebens in Brixen. Sp�ter bewunderte ich das Geb�ude der Steyler Schwestern. Perfekt ist die gro�e Baumasse zur�ckhaltend in den H�gel am Waldrand bei Payrdorf gesetzt worden, von weiten ist sie kaum zu bemerken. �hnlich das Herberthaus in Brixen, das mit dem Weinbergs am Kranebitt verwachsen ist und die Linien der Trockenmauern fortf�hrt - ein besonderes St�ck Baukulturlandschaft, das erst jetzt durch einen aufdringlichen Nachbarbau gest�rt wird. Aber nicht nur in Brixen hat Barth gebaut: wer nach Pordenone im Veneto kommt, kann kaum glauben, dass sein Pfarrzentrum nicht schon immer dort gestanden hat, so selbstverst�ndlich f�gt es sich ein � ohne sich gesichtslos unterzuordnen. Beim Neubau des Bischofsitzes in Bozen hat der Architekt klug jede formale Konkurrenz zur Domkirche vermieden sondern den st�dtischen Kontext selbstbewusst und selbstverst�ndlich weitergebaut.

Dem genius loci und nicht der Selbstdarstellung war Othmar Barth verpflichtet, nicht irgendeiner gerade g�ngigen Architekturmode. Mit seinem Gesp�r f�r die Besonderheit eines jeden Ortes hat er mit seiner daraufhin entworfenen Architektur eine zeitlose Dauerhaftigkeit erreicht, die heute gerne als Nachhaltigkeit bezeichnet wird. Der gro�e Atem ist seinen Bauten ebenso zu eigen wie das perfekte Detail � Alterssch�den sind nicht wahrzunehmen. Diese Liebe zum Detail hat er sich vermutlich in der v�terlichen Schreinerwerkstatt abgeschaut von wo er wohl auch die schn�rkellose Klarheit mitgebracht hat. Klare Ausdrucksweise zeichnete aber auch seine Sprache aus und machte ihn dadurch zu einem guten Lehrer. Othmar Barth war der Pionier einer ganz eigenen architektonischen Moderne, die in S�dtirol erst sp�t angekommen ist. Der italienische razionalismo der Faschistenzeit wurde als Besatzerarchitektur hier nicht akzeptiert, die wenigen eigenst�ndigen Bauten der Zwischenkriegszeit von Architekten wie Lois Welzenbacher oder Clemens Holzmeister fanden keine Nachfolge in der meist gesichtslosen Schwemme der Nachkriegsbauten. Erst Othmar Barth hat die neue Spur einer zeitgen�ssischen Architektur jenseits der internationalen Tagesmoden gelegt und wurde gerade deshalb von internationaler Bedeutung.

Am sch�nsten kommt das alles bei meinem Lieblingsprojekt dieses sensiblen Architekten zum Ausdruck: dem schon 1973 fertiggestellten Hotel Ambach am Kalterersee. Ein strahlendes Juwel in einer von Baus�nden gef�hrdeten Landschaft, frisch wie bei der Einweihung und das Gegenst�ck zu den g�ngigen Kitschhotels mit falsch verstandenen pseudotiroler Details. Vor zwei Jahren konnte ich noch ein Interview mit diesem Altmeister zeitgem��er Architektur und einem seiner ehemaligen Studenten, Gerd Bergmeister, f�r das Buch �Architektur in S�dtirol� machen. Auch dabei kam wieder zutage, dass es ihm wichtig war Sehen zu lehren in einer Zeit in der viel Sch�nes nicht mehr wahrgenommen und viel H�ssliches �bersehen wird. Dazu postum noch meinen Dank � auch f�r die Tatsache, dass manche der jungen Kollegen nun seinen Spuren folgen. Denn Baumeister wie Othmar Barth braucht unsere Zeit.

Andreas Gottlieb Hempel




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Andreas Gottlieb Hempel
Prof. Dipl.-Ing. Architekt & Publizist
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