Synergien einer Stadt
Eine Stadt ist niemals fertig, eine Stadt ist kein Museum. Eine Stadt ist ein Prozess, der durch die in ihr lebenden Menschen st�ndig in Bewegung ist, in Ver�nderung gehalten wird. Eine Stadt ist ein komplexer Organismus. Je vielf�ltiger das Angebot, desto lebendiger, je facettenreicher desto mehr Synergien k�nnen entstehen. Synergien bilden sich aus den einzelnen Kr�ften und Faktoren, die eine Stadt anbietet. Diese summieren sich nicht nur, sie k�nnen, wenn sie sich kontr�r oder erg�nzend ineinander f�gen einen Mehrwert bilden � eben die Synergien.
Jede Stadt hat einen besonderen, unverwechselbaren Charakter. Sonst w�re sie nur Siedlung oder Agglomerat, wie wir es aus den so genannten Schlafst�dten zur Gen�ge kennen. Diese sind so charakterlos, so gleichartig, weil in ihnen nur eine Funktion � die des Wohnens oder besser des Schlafens � vorherrscht. Synergien aus sich wechselseitig anregenden, oft gegens�tzlichen aber vielf�ltigen urbanen Nutzungen, ergeben sich nicht, Langeweile herrscht vor � oder hektische Betriebsamkeit w�hrend der �ffnungszeiten wie etwa in Einkaufszentren oder Gewerbegebieten, die wir alle nicht als Stadt sondern als Monofunktion empfinden, sie nutzen aber nicht lebenswert finden.
Kommen die G�ste und Besucher nach Brixen um z.B. den Rosslauf � trotz seiner unbestrittenen Wohnqualit�ten � zu besichtigen? Kommen Sie um durch die Gewerbegebiete im Norden oder S�den der Stadt zu spazieren? Machen sie Ausfl�ge um die Reihenh�user in den Fraktionen zu besichtigen? Nein. Sie kommen um den unverwechselbaren urbanen Charakter Brixens zu erleben. Warum ist der unverwechselbar? Nicht nur wegen der historischen Geb�ude der �ltesten Stadt S�dtirols sondern wegen ganz bestimmter Synergien der urbanen Funktionen, die sich am besten auf dem Domplatz unmittelbar erleben lassen.
Dort zieht sich eine unsichtbare aber deutlich sp�rbare Linie diagonal �ber den r�umlich sch�nsten Stadtplatz S�dtirols und trennt die alte B�rgerstadt von der alten Bischofstadt. Es ist aber keine Trennung sondern eine Unterscheidung von synergetisch wirkenden Funktionen: hier die lebhafte B�rgerstadt mit ihren L�den, ihrem L�rm, ihrem Betrieb, in den man gerne eintaucht um teilzunehmen, einzukaufen, sehen und gesehen werden, Menschen zu treffen. Dort die majest�tische Bauten der Pfarrkirche, des Doms, der Hofburg mit ihrer Ruhe in die man in der Betrachtung ebenfalls ger�t. Der materielle Einfluss der B�rgerstadt weicht den geistigen Str�mungen der Bischofsstadt. Im Freiluftwohnzimmer der Brixner, dem Domplatz, trifft beides aufeinander, das aus sich Herausgehen und das in sich Einkehren. Es vermischt sich und erzeugt durch seine wechselnde Gegens�tzlichkeit Synergien, die den Charakter, die Liebensw�rdigkeit, die Urbanit�t dieser kleinen aber dadurch ganz besonderen Stadt ausmachen.
Um es zusammen zu fassen: man w�rde diesen Charakter der Stadt aus dem Gleichgewicht bringen, wenn man die Kontraste dieser Synergien vermischen w�rde � also etwa den Gro�en Graben mit Blumenbeeten g�rtnerisch als Ruhezone zum Verweilen auszustatten oder eben den Hofburggarten zum Erlebnis- oder Lunapark mit dem heutigen Kasperletheater der Unterhaltungsindustrie umzuwandeln. Nein. Die St�rke der Synergien der Altstadt Brixen liegt in den beiden gegens�tzlichen Funktionen der Gesch�ftigkeit im b�rgerlichen und der Ruhe im geistigen Viertel. Niemand wird das mehr genie�en als die Brixner selber. Aber auch deren G�ste werden diese Synergie als gro�e Attraktion empfinden. Urban und doch laut und leise, gesch�ftig und besinnlich. Dazu muss der Hofgarten ein pomarium bleiben, f�r alle tags�ber offen, unauff�llig beaufsichtigt, bei Anbruch der Dunkelheit geschlossen � wie der Herrengarten.
Wenn den Gesch�ftsleuten in der B�rgerstadt die Kunden fehlen, dann m�ssen sie die Laden�ffnungszeiten ver�ndern. Welche Touristenstadt ist mittags drei Stunden halbtot und von Samstagmittag, wenn die G�ste mit vollem Portmonnaie anreisen bis Montagfr�h geschlossen? Am Sonntagabend die G�ste mit immer noch vollem Portmonnaie frustriert abfahren lassen? Das kann es nicht sein. Dar�ber lohnt es sich einmal nachzudenken, liebe Kaufleute!
Andreas Gottlieb Hempel
Brixen, 18.11.2010