Dienstag, 16.11.2010 | Dolomiten Baukultur M�rz 2010

Dolomiten Baukultur M�rz 2010

Neuer Vinschger Geist

Alkoholisches in der Fastenzeit? Nein, es geht vielmehr um einen neuen Geist, der im Vinschgau wehen k�nnte, wenn noch mehr solche neuen Ans�tze zur Landwirtschaft und zu den Gewerbebauten entstehen k�nnten. Noch ist aber nichts realisiert.

Der Vinschgau ist das l�ngste Tal der Alpen in West-Ost Richtung. Die Querlage des mittleren und unteren Vinschgaus f�hrt zu ganz eigenen klimatischen Verh�ltnissen: die S�dh�nge werden von der Sonne ausged�rrt und weisen zum Teil steppenartigen Bewuchs �ber den Wein- und Obstterrassen auf. Die Nordh�nge dagegen sind von dichtem Wald bestanden und wasserreich.

Die Waale

Schon die R�mer haben versucht, mit den Waalen das Wasser f�r die Landwirtschaft ausreichend zu verteilen. Sp�ter wurde das wertvolle Nass sogar von den Nordh�ngen auf die trockenen S�dh�nge gebracht � die St�tzen f�r die h�lzernen Wasserrinnen im Tal sind noch in Laas zu bewundern. Vor der Umstellung auf unterirdische Bew�sserungsleitungen im letzten Jahrhundert wies der Vinschgau mit fast 400 km ein weitverzweigtes Waalssystem auf. Es war im Unterhalt und Wasserverteilung eine ingeni�se Baukultur. Viele Waale sind heute verschwunden, manche wurden u.a. f�r den Tourismus mit Waalwegen wieder instand gesetzt.

Die Kornkammer Tirols

Im Vinschgau wurde bis zum Anfang des 19. Jh. haupts�chlich Getreide angebaut obgleich das windige und trockene Klima oft zu Missernten f�hrte. Aber das Getreide hatte eine besonders hohe Qualit�t, lie� sich gut lagern und aus dem schlecht erschlossenen Tal gut abtransportieren, was mit den Marillen, Palabirnen und anderem Obst nicht m�glich war. Trotz Kornkammer blieb der Vinschgau das Armenhaus S�dtirols. Die Bauern mussten teilweise ihre Kinder � schon im Alter von sechs Jahren! � als Arbeitskr�fte zu den reichen Viehbauern im bayerischen Schwaben geben, die sogenannten Schwabenkinder. Mittellose Tagel�hner zogen mit ihrer k�mmerlichen Habe als �K�rrner� durch das Tal. Bis 1906 die Vinschger Bahn er�ffnet wurde.

Die Vinschger Bahn

Das war nicht irgendeine Bahn. Sie schrieb die wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte des Tales obwohl sie nie weiter hinausgekommen war als die 60 km von Meran nach Mals. Eigentlich sollte sie ein Teil der Strecke des Orient-Express von Paris nach Konstantinopel werden aber der Erste Weltkrieg unterbrach diese Tr�ume. F�r die Bahntrasse musste die m�andernde Etsch reguliert werden � davor war der Talgrund wegen der j�hrliche �berschwemmungen unbewohnbar und die Siedlungen befanden sich auf den H�geln der Muren. Durch die nun teilweise schnurgerade einged�mmte Etsch verschwanden zwar die einzigartigen feuchten Naturreservate � ein k�mmerlicher Rest ist noch bei Prad vorhanden � daf�r konnte nun reichlich Obstangebaut und ebenso wie der Laaser Marmor gut exportiert werden. Der Vinschgau wurde nun auch f�r den beginnenden Tourismus erreichbar.

Millionen Apfelb�ume

Dreizehn Millionen kr�ppelige Apfelb�ume � wer hat das gez�hlt? � wachsen an Drahtspalieren im Vinschgau. Trotz des reizvollen Anblicks w�hrend der Bl�tezeit handelt es sich um eine riesige Monokultur mit den bekannten Ausw�chsen wie Pflanzenschutz, Preisverfall, Ver�nderung der Kulturlandschaft aber auch der b�uerlichen Baukultur. Die sch�nen alten Stadel der fr�heren Bewirtschaftung werden nicht mehr gebraucht und verschwinden mehr und mehr, einige �berleben umgebaut als Ferienbehausungen. Auf der Talsohle haben sich Gewerbebauten der �blichen Beliebigkeit angesiedelt. Die Sch�nheit und Vielfalt des Vinschgau scheint gef�hrdet.

Neue Ideen f�r Vielfalt

In Glurns hat nun Albrecht Ebensberger mit seinem Architekten Werner Tscholl � einer unserer Besten in S�dtirol! � den Bau einer Whiskeybrennerei im Gewerbegebiet vor der Stadt beantragt. Er verfolgt zwei Ziele: erstens m�chte er f�r seinen Whiskey abgesehen vom guten Wasser das hochwertige Getreide des Vinschgaus verarbeiten und daf�r die Getreidefelder wieder kultivieren � er pl�diert f�r mehr Vielfalt in der Vinschger Landwirtschaft Zweitens m�chte er ein Beispiel f�r einen modernen Gewerbebau geben, der mehr ist als nur Kubatur sondern eine wohldurchdachte Architektur, die alte Strukturen aufgreift und modern umsetzt.

Baukultur f�r das Gewerbe

Die alten Stadel im Vinschgau mussten f�r das Getreide gut durchl�ftet sein. Daf�r wurden h�ufig W�nde aus Ziegeln errichtet, die zu einem gemauerten Gitter zusammengef�gt waren. Architekt Tscholl nahm dieses klassische Thema wieder auf und entwarf einen Kubus aus dieser Konstruktion, die luftig und fast transparent die Maschinerie der Brennerei umgeben soll. Ein einheitlicher Eindruck entsteht obgleich man die Vielfalt der technischen Formen dahinter erahnt. Trotz der gleichen L�nge der W�rfelkanten in L�nge, Breite und H�he von ca. 13 m wird eine leicht und grazil wirkende H�lle entstehen, die als Beispiel f�r guten Gewerbebau gelten kann. Die Gemeinde hat das Projekt bereits genehmigt und wartet nun auf die positive Beurteilung durch das Land, da eine Bebauungsplan�nderung erforderlich ist. Ein Prosit mit dem neuen Geist!

Andreas Hempel



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Andreas Gottlieb Hempel
Prof. Dipl.-Ing. Architekt & Publizist
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