Dolomiten Baukultur April 2010
Gerettet in Lana
Der Tod des Welfen Heinrich II. durch Steinschlag beim Felschauer Bach im fernen Jahr 990 markiert die Gr�ndung von Lana. Heute, 1020 Jahre sp�ter, ist die Marktgemeinde Lana mit �ber 10.000 Einwohner eigentlich eine richtige Stadt geworden, in der bei allem raschen Baugeschehen auch um den Verlust der Baugeschichte gef�rchtet werden muss.
Abrisswut
Der Abriss alter Zeugnisse der Baukultur ist �berall in S�dtirol festzustellen, vor allem wenn es sich nicht um denkmalgesch�tzte Bauten handelt. Aber auch diese sind nicht immer gefeit vor dem Kahlschlag der Investoren. Kubatur ist das Zauberwort. Mit Kubatur allein ist Baukultur jedoch nicht zu machen. �berhaupt wird Baukultur nicht gemacht sondern entsteht aus den Bedingungen des Zusammenlebens der Gesellschaft und spiegelt deren geistige Verh�ltnisse wider. Insofern sind wir heute alle schuld an den Verlusten baulicher Identit�t und fehlendem baukulturellen Verst�ndnisses sowie dem sorglosen Umgangs mit unserer empfindlichen Landschaft. Wenn nur noch das Geld der Ma�stab f�r das Handeln wird, dann ist es schnell aus mit Begriffen wie Baukultur, Heimat und Kulturlandschaft. Dann wird es bald hier so aussehen wie es bereits �berall aussieht � n�mlich gesichtslos, geistlos, h�sslich. Wenn sich der Einzelne nur noch �ber sein Auto definiert, dann darf er sich nicht wundern, wenn er im Verkehr zu ersticken droht. Wenn der Gast nur noch �ber Events ins Land gelockt wird, dann d�rfen wir uns nicht wundern, wenn die Natur zur Sportarena verkommt. Und wenn Bauherrn und Architekten am liebsten die alten H�user f�r Neubauten abrei�en, die strukturell nichts mehr mit ihrer Umgebung zu tun haben, dann darf man sich trotz aller Formenvielfalt nicht �ber die Langeweile wundern, die das bauliche Chaos in seinem Durcheinander erzeugt.
Falsche Gesetzgebung
Die gesellschaftliche Entwicklung dr�ckt sich auch in der Gesetzgebung aus. Wer neu baut und abrei�t wird belohnt � so k�nnte man knapp die Wirkung des Artikel 107 des Landesraumordnungsgesetzes beschreiben. Baut der Bauer neu, dann muss er den alten Hof abrei�en um im Rahmen der festgelegten Kubatur zu bleiben. Beim Neubau wird er gef�rdert � wer hilft ihm aber die h�heren Kosten zu tragen, wenn er seinen alten Hof sorgf�ltig sanieren m�chte um die historische Bausubstanz seiner Vorfahren, seiner Familiengeschichte in der modernen Zeit weiterzuf�hren? Dabei geht es ja nicht um ihn allein oder den einzelnen Hof. Es geht um den Zusammenhang mit dem d�rflichen Ensemble, mit dem Landschaftsbild und der Heimat, auf das die S�dtiroler mit Recht so stolz sind, sie aber mehr und mehr ihrer baugeschichtlichen Zeugnisse berauben. Es sind nicht nur die Kirchen und Burgen, die unsere Baukultur pr�gen, es ist vor allem die Alltagsarchitektur einer b�uerlich gepr�gten Landschaft, die allm�hlich zwischen Gewerbesteppen, pseudo�lplerischen Kondominien und brutalen Verkehrsbauten verschwindet. Gerade wegen dieser b�uerlichen Baukultur des Alltags in sch�ner Landschaft sind viele G�ste nach S�dtirol gekommen. Viele sp�ren jetzt die Verluste und bleiben weg.
Einzelk�mpfer
Dem wachsenden Unbehagen versuchen Einzelk�mpfer in den Gemeinden zu begegnen: B�rgermeister, Denkmalsch�tzer, Architekten, Heimatverb�nde und andere, die diese Entwicklung nicht einfach hinnehmen wollen. Dazu geh�rte bisher auch die Gemeinde Lana mit ihrem f�r Baukultur engagiertem B�rgermeister Christoph Gufler. �ber 40 Bauten wurden erhoben und deren Schutz durch das Denkmalamt beantragt, 34 Ensembles mit einem Abbruchverbot von 144 Geb�uden festgelegt, ein Landschaftsleitbild ausgearbeitet und dem Landschaftsplan zugrundegelegt, der u.a. ein Bauverbot in den Hanglagen vorsieht. Vor allem wurde f�r Aufkl�rung, Hilfestellung und p�dagogische Unterweisung gesorgt: kostenloser Beratungsdienst bei Altbausanierung, Kurse zur Instandsetzung von Trockenmauern, Z�unen und Steinplattenwegen von denen allein acht zu den Kultur- und Lehrpfaden beitragen.
Tag des offenen Denkmals
Vor allem wird seit acht Jahren der �Tag des offenen Denkmals� durchgef�hrt, an dem jeweils ein �geretteter� und sorgf�ltig renovierter Altbau von all jenen besichtigt werden kann, die sich davon �berzeugen wollen, wie man in einem historischen Geb�ude leben kann: n�mlich komfortabel und mit dem gewissen Etwas, das die besondere Atmosph�re eines alten Geb�udes gratis mitliefert. Auf diese Weise wurde der eine oder andere mittelalterliche Hof oder Ansitz vor dem Abbruch trotz benachbartem Neubau bewahrt und neuer Nutzung zugef�hrt � was in Einzelf�llen nur mit Gratwanderungen bei der Gesetzeslage m�glich war. Aber es hat sich gelohnt und sollte sich weiter lohnen. In Lana wurde einerseits Baugeschichte f�r kommende Generationen bewahrt und damit eine f�r S�dtirol typische Identit�t fortgef�hrt � andererseits hat diese Qualit�t des baukulturellen Bewusstseins auch zu hervorragender moderner Architektur im Ort gef�hrt. Das eine scheint das andere zu beeinflussen. Wir w�nschen uns noch mehr von beidem!
Andreas Gottlieb Hempel