Dolomiten Baukultur Juni 2010
Wohn Raum Alpen
So nennt sich eine sehenswerte Architektur-Wanderausstellung �ber zeitgen�ssische Wohnformen in den Alpen, die in den R�umen von kunst Meran noch bis zum 12. September zu sehen ist.
Die Alpen �ben eine gro�e Anziehungskraft aus �� durch die verkitschte Alm-�hi-Romantik, als Sportarena oder Altersruhesitz f�r Betuchte. Wie lebt es sich aber wirklich f�r die Mehrzahl der 14 Mio. Menschen im Alpenraum von 190.000 qkm auf der knappen Fl�che der engen T�ler? Sie leben in acht L�ndern mit 143 St�dten und 6000 Gemeinden, m�ssen Jahr f�r Jahr 60 Millionen Touristen aufnehmen und zusehen bzw. zuh�ren, wie �ber 200.000 Tonnen G�ter durch ihr Gebiet transportiert werden. �Was es wirklich bedeutet, in den Alpen zu leben, wei� nur wer dort wohnt.� schreibt Loredana Ponticelli in ihrem Beitrag zum Katalog. Die Ausstellung versucht diese Lebensweise in heutiger Architektur verst�ndlich zu machen.
Neue Wege der Ann�herung
�ber ein Viertel der Alpenbewohner leben heute in g�nstigen Tallagen, die st�dtische Siedlungen von 5.000 bis 100.000 Einwohnern erm�glichen. Diese Verst�dterung ist das Ergebnis ver�nderter Wirtschaftsformen, die von der Landwirtschaft zu Gewerbe und Dienstleistungen gef�hrt hat. Abgelegene Gebiete wurden f�r urbane Bereiche verlassen und Mobilit�t erm�glicht den st�ndigen Austausch von Arbeitskraft und Waren im Gegensatz zur fr�heren Selbstversorgung. So haben sich auch die Siedlungsformen ver�ndert: Wenn der einzelne Hof nach dem Wunsch der Mehrheit am liebsten durch das freistehende Einfamilienhaus zu ersetzen w�re, so wird das durch den beschr�nkten und teuren Baugrund verhindert. Das weniger gesch�tzte Kondominium ist notgedrungen die Alternative und wohl auch die Wohnform der Zukunft im beengten Alpenraum. Leider wird immer noch Bauland auf Kosten landwirtschaftlicher Fl�chen ausgewiesen, statt Umnutzung vorhandener Baufl�chen und Verdichtungen im Innenbereich vorzunehmen. Die Kuratoren der Ausstellung haben deshalb das Kondominium unterschiedlichster Nutzung ausgesucht um die M�glichkeiten dieser Form des Wohn Raum Alpen darzustellen.
Konzeption der Ausstellung
Um die �richtigen� Projekte zu finden wurde mit 500 Architekturb�ros im gesamten Alpenraum Kontakt aufgenommen und 200 geeignete Projekte gefunden, die den festgelegten Kriterien entsprachen: mind. f�nf Wohneinheiten und Fertigstellung nach dem Jahr 2000. Aus dieser Menge w�hlten 16 Experten 37 Projekte aus, die in der Ausstellung und dem Katalog ausf�hrlich dokumentiert sind. Dabei entschied man sich f�r den Fotografen Hartmut N�gele, der neben Abbildungen der Bauten auch den �genius loci� und die Atmosph�re der Bewohner einfing � was die Bilder f�r Empfindsame besonders reizvoll macht. Genial ist auch die als Wanderausstellung konzipierte Ausstellungstechnik. Auf Holzkisten f�r den Versand sind die wei�en Modelle der Projekte befestigt, zusammen mit Postkarten von weiteren Fotos um das Projekt, in denen der Besucher bl�ttern kann. Die wichtigsten Fotos sind auf gro�e Holzplatten gedruckt, die nach dem Abh�ngen zum weiteren Verschicken in die Holzkisten hineingeschoben werden k�nnen � ein leicht zu handhabendes Gesamtpaket! Ach ja � die Projekte werden nicht nach L�ndern sondern nach H�henlagen �ber dem Meeresspiegel geordnet, von 1822 m �.NN. in St. Moritz hinab bis 40 m �.NN. an der C�te d�Azur. Hat das was mit der Architektur oder nur mit der W�rmed�mmung zu tun?
Kritische Betrachtung
Wer nun langsam durch die Ausstellung schlendert wird sehr nachdenklich. Er findet zum Teil sehr sch�ne moderne Architekturen vor, die neben ihrer �sthetik auch Wohnformen anbieten, die dem modernen Leben entsprechen, das �berwiegend nicht mehr von der Standard-Bautr�ger-Familie (Gutverdienende Eltern mit zwei gl�cklichen Kindern, also Punkt,Punkt, Komma,Strich-Grundrisse) gepr�gt wird. Wohnformen f�r Singles, Alleinerziehende, Wohngemeinschaften und Alte sind zu finden. Stellvertretend seien hier die Projekte Pflegeheim Bruneck, Altersheim Santa Rita, M�dcheninternat Disentis, Bebauung Weyarn, Wohnanlage Sebastianstra�e in Dornbirn und das Arbeiterhaus in Siebeneich genannt. Was haben aber die gezeigten Projekte mit wenigen Ausnahmen nun mit den Alpen zu tun? Gerade wegen des gegl�ckten fotografischen Einfangens manchen �genius loci� im Umkreis der Projekte scheint die landschaftliche und bauliche Umgebung in den wenigsten F�llen eingehend von den Architekten analysiert worden zu sein. Vielmehr erh�lt man den Eindruck, dass die meisten Planer mit vorgefassten formalen Vorstellungen an ihre Aufgabe herangehen und das Flachdachergebnis dann bestenfalls �ortsgerecht� mit einem Holzschindelm�ntelchen beh�ngen. Oder auf ihren wenig alpinen Brutalo-Beton stolz sind, der heute globalisiert �berall zu finden ist. Das schl�gt sich bisweilen auch sprachlich in den Projektbeschreibungen nieder. Etwa in solchem Architekten-Schwafel: �Die Formensprache des kompakten Wohnbaus leitet sich von der Umsetzung �u�erst pragmatischer Parameter in ein r�umlich einnehmendes Konzept ab.� H�?
Andreas Gottlieb Hempel