Dienstag, 16.11.2010 | Dolomiten Baukultur Juli 2010

Dolomiten Baukultur Juli 2010

Der Weg zum Paradies ist das Ziel

In Tscherms neben dem Ansitz Kr�nzel hatte Franz Graf Pfeil genug von einer Apfelplantage und legte stattdessen einen paradiesischen Garten von hohem Symbolwert an.

Der Traum vom Paradies
Die Vertreibung aus dem Paradies war der Anfang. Seitdem versuchten die Menschen aller Zeitalter das Tor zum verlorenen Paradies wiederzufinden. Besonders beliebt war das Thema des Paradiesg�rtleins in der Malerei des Mittelalters, verbunden mit der Darstellung Mariens und dem Jesuskind zwischen Lilien, Rosen, V�geln und allerlei zahmen Tieren. Die Symbolik f�r das Unerreichbare des Paradiesischen schon in dieser Welt war un�bersehbar. Der Mensch, der sich die Natur untertan macht � nicht im Sinne der Ausbeutung! - sondern durch die �berh�hung als Kulturlandschaft, die Vermenschlichung der wilden Natur, wurde ein weiteres Thema und der Anlass zur Anlage von Parks und G�rten jenseits landwirtschaftlicher Nutzung. Die bekanntesten Beispiele sind die rationalistischen Gartenanlagen franz�sischer Schl�sser und die naturalistischen Parks englischer Herrenh�user. Auch das Altertum benutzte schon den Irrgarten und das Labyrinth zur Symbolik des menschlichen Lebens.

Vom Irrgarten des Lebens
Einen Irrgarten anzulegen anstelle der in gezirkelten Reihen zur�ckgeschnittenen Apfelbaumkr�ppel, die mit richtigen Apfelb�umen auf Streuwiesen keine �hnlichkeit mehr haben, das war die Idee von Franz Graf Pfeil, als er die Gartenanlagen um den Ansitz Kr�nzel in Tscherms neu ordnen wollte. Keinen neuen Nutzgarten als weiteren biologischen Irrtum, sondern ein St�ck vom Menschen geordnete Natur � vielleicht sogar ein Paradigma des verlorenen Paradieses. Das Paradies mit dem Baum der Erkenntnis sagt etwas �ber den Lebensweg der Menschheit aus: in die Irre gehen um schlie�lich den rechten Weg zu finden, keine Wahrheit ohne Irrtum, kein Erkennen ohne Suchen und kein Handeln ohne Vordenken oder Nachsinnen. Franz Graf Pfeil ist ein nachdenklicher Mensch und sein Garten sollte Anlass zum Nachdenken sein.

Eine lebendige Skulptur
Insofern wurde der Park nicht nur als Irrgarten geplant sondern als eine lebende Skulptur, die in st�ndiger Entwicklung heranw�chst, altert, sich verj�ngt, sich st�ndig �ndert � nat�rlich nach einer ganzheitlichen Vorstellung, f�r die am 1.August 2006 die ersten Setzlinge gepflanzt wurden und die Ende M�rz 2010 ihre vorl�ufige Erf�llung mit einem Erdkegel fand, auf dessen Spitze ein Mensch ankommen kann um alles zu �berblicken � wie bisweilen im richtigen Leben auch. Kernst�ck des Irrgartens ist jedoch eine knapp einen Hektar gro�e und fast quadratische Fl�che, die mit zehn verschiedenen Rebsorten entlang eines eineinhalb Kilometer langen Spaliers gesetzt sind. Diese L�nge ist jedoch gest�ckelt und in Winkeln zu einem Irrgarten zusammengesetzt in dessen Mitte acht quadratische Stelen aus Corteen-Stahl stramm stehen. Gl�cklich ist, wer diese Lebensmitte schlie�lich erreicht hat, um danach mit weiteren Irrungen den Ausgang, das Ende zu erreichen. Dort wird er entweder vom applaudierenden Publikum im gras�berwachsenen Amphitheater erwartet oder erreicht auf der anderen Seite eine drei�ig Meter lange frei geformte und von Reben umwachsene Festtafel nach dem Motto: �Zum Tisch des Herrn sind Viele geladen�.

Vom Baum der Erkenntnis und anderem
Gleich dar�ber steht der majest�tischste Baum des Gartens, ein dunkelrotbl�ttriger riesiger Ahorn als eine Art Baum der Erkenntnis unter dem meditierend zu verweilen schon der grandiose Ausblick ins Burggrafenamt einl�dt. Wer intensiver �ber das Leben nachzudenken versucht ist, dem sei das hinter einem Erdwall verborgene sehr intime Bodenlabyrinth ans Herz gelegt zwischen dessen Steinen w�rzig duftende Thymianpolster verwebt sind. Ein Paradies ohne Wasser? Undenkbar! Hier ist es ein kleiner, romantischer Seerosenteich, dessen Gr��e durch menhirartig eingesetzte Findlinge un�berschaubar erscheint. Und eine Grotte braucht ein Paradies, nahe dem Baum der Erkenntnis, denn dort versteckten sich im richtigen Paradies auch Adam und Eva vor dem Auge Gottes. Hier ist es ein von oben belichteter Raum aus Felsbl�cken mit einer zwischen diesen Massen zerbrechlich wirkenden menschlichen Figur � wieder ein Gleichnis des Daseins.

Musik im Amphitheater
Noch einmal zur�ck zum Amphitheater, diesmal �ber Schlangenlinien � war da nicht etwas mit einer Schlange im Paradies? � durch ein W�ldchen von Lagerstroemien. Im Amphitheater finden Musikdarbietungen statt. Am letzten Sonntag im Juni ein �beraus stimmungsvolles Harfenkonzert um f�nf Uhr morgens, bei rosiger D�mmerung am wolkenlosen Himmel. �Aurora oder Morgenr�te im Aufgang� der Titel des Erstlingswerks des Mystkers Jakob B�hme, geschrieben 1610 von diesem einfachen Schuster aus G�rlitz, l�sst gr��en. Ein weiterer Schritt zum Paradies. Der Labyrinthgarten Kr�nzel ist ein Ort der Besinnung und der Stille. Zwar ungeeignet f�r l�rmende T�rggelegruppen aber sehr geeignet f�r nachdenkliche Menschen, die etwas vom wirklichen Wesen S�dtirols als geistiger Ort erfahren m�chten.

Andreas Gottlieb Hempel



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Andreas Gottlieb Hempel
Prof. Dipl.-Ing. Architekt & Publizist
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